Konstruktiver Ungehorsam: Die Kluft zwischen Forschung und Baupraxis schließen

Das konstruktive Experiment stand im Fokus der zweitägigen Konferenz „Constructive Disobedience“, die von Prof. Helga Blocksdorf, Katharina Benjamin und Prof. Dr. Matthias Ballestrem im Braunschweiger Staatstheater veranstaltet wurde. Internationale Referent*innen aus Forschung und Praxis berichteten darüber, wie sie Innovation in die heutige Baupraxis bringen wollen. Die Redaktion von baunetz CAMPUS war als Medienpartner vor Ort.

Technische Universität Braunschweig

np und sr | 26.09.2022

Der Experimentierfreudigkeit in der Forschung steht eine träge Bauindustrie gegenüber, die an ihren Strukturen, Regeln und Einschränkungen zu ersticken droht. Dass zwischen Wissenschaft und Baupraxis eine Kluft prangt, ist keine neue Erkenntnis. Immer lauter werden die kritischen Stimmen, die diesen Status Quo hinterfragen. Wie kann diese Lücke zwischen Praxis und Forschung geschlossen werden? Was ist nötig, damit konstruktive Experimente ihren Weg in die heutige Baupraxis finden können? Diese und andere Fragen waren am 15. und 16. September 2022 Thema der internationalen Konferenz „Constructive Disobedience“, die von Prof. Helga Blocksdorf, Katharina Benjamin und Prof. Dr. Matthias Ballestrem organisiert wurde.

Ein Niemandsland zwischen zwei Welten

In der Architektur spannt sich zwischen Forschung und Umsetzung ein undefiniertes Terrain, das es zu erschließen gilt. Diese Diskrepanz rührt zu einem erheblichen Teil daher, dass der zeitliche und budgetäre Rahmen von Forschungs- und Entwicklungsprojekten die etablierten Abläufe im Planungsbüro und auf der Baustelle sprengen würde. Für Innovation gibt es dort meistens weder Zeit noch Geld. Gleich im ersten Vortrag wurden die absurden Einschränkungen der von Vorgaben und Normen beherrschten Baupraxis aufgezeigt: Prof. Ludwig Wappner vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) berichtete beispielsweise, dass eine hocheffiziente Raumorganisation in einem Tiny-House-Projekt aufgrund der DIN-Norm für Hochbetten umgeplant werden müsste.

Wege für Innovation schaffen

Alle präsentierten Projekte zeigten auf teils sehr unterschiedliche Weise, dass man sich Wege schaffen muss, um Innovation in der Baupraxis zu ermöglichen. Das Augenmerk lag auf kleinen Schritten und Interventionen, die Qualität fordern und Möglichkeiten des Ungehorsams bieten. Es wurden kreative Wege zur Umsetzung eines innovativen Vorhabens veranschaulicht. Der erste Schritt beruhte dabei immer auf einer Intuition, dass eine konstruktive Lösung vereinfacht werden, ein Material neue gestalterische Qualitäten aufweisen oder dass ein Bauelement optimiert werden kann. Zumeist ist dieser erste Schritt an der Hochschule angesiedelt. Die Motivation und Experimentierfreude von Studierenden, die das Thema in Seminaren oder Sommerschulen bearbeiten, sind dabei oft wichtige Treiber. Im zweiten Schritt stellt sich die Frage nach der Finanzierung der weiteren Bearbeitung und der Entwicklung von Prototypen. Hier ist die Kreativität der Forscher*innen gefordert. Auf der Konferenz wurden unkonventionelle Lösungen wie das Gründen eines Vereins zur Spendeneinnahme oder einer Baufirma für die Umsetzung von Prototypen vorgestellt.

Widerspruch zwischen Tradition und heutigem Standard

Ein weiterer Aspekt, der sich durch viele Vorträge zog, ist der Widerspruch zwischen bekannten traditionellen Techniken und der standardisierten, detaillastigen Baupraxis von heute. Eine Rückbesinnung auf alte Techniken und Materialien – etwa Holzschindeln oder Stampflehm – war vermehrt wahrzunehmen. Beispielsweise bekundet ein im Rahmen des Projekts „Sticks and Stones“ an der Harvard Graduate School of Design entstandener fotografischer Atlas heterogener Konstruktionen das Interesse an gebauten Beispielen aus einem breiten Spektrum historischer Epochen und globaler Kulturen. Bei einem Großteil der dokumentierten Bauwerke handelt es sich um antike, volkstümliche und frühindustrielle Architekturen. Dieses Interesse zeugt von einer Sehnsucht nach Einfachheit in der Architektur, die immer stärker zu werden scheint. „Wie komplex müssen wir planen, um wieder einfach bauen zu können?“, mit dieser Frage von Prof. Elisabeth Endres Leiterin des Instituts für Bauklimatik und Energie der Architektur (IBEA) an der Technischen Universität Braunschweig lässt sich eines der zentralen Themen der Konferenz pointiert zusammenfassen.