Koka, Emotionen und Zukunftstrends: Deep Dive in Farbdesign

Farbe ist keine reine Geschmacksangelegenheit. Bevor Gestalter*innen eine bestimmte Materialität und Farbgebung auswählen, werden Tendenzen und Wirkungsprinzipien erforscht – genau das ist das Metier von Farbdesigner*innen.

Prof. Markus Schlegel unterrichtet Farbdesign an der Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK). Was zeichnet diese Studienrichtung aus? Welchen Einfluss hat Farbe auf unser Wohlbefinden? Wie entstehen Farbtrends? Womit kann man färben? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es im folgenden Interview und live auf der DOMOTEX, die vom 19. bis 22. Januar 2026 in Hannover stattfindet.

Prof. Schlegel, zum Zeitpunkt unseres Gesprächs befinden Sie sich in Kolumbien. Was machen Sie dort?

MS: In der Studienrichtung Farbdesign des Studiengangs Gestaltung an der HAWK arbeiten wir eng mit internationalen Partnern zusammen. Unter anderem pflegen wir zu Kolumbien eine intensive Verbindung: drei große Forschungs- und Hochschulpartnerschaften sowie zahlreiche Austausch-, Förder- und Forschungsprojekte. Allein in den letzten drei bis vier Jahren haben wir über 100 Studierende und Lehrende zwischen beiden Ländern ausgetauscht. Es existieren gemeinsame Studienprogramme, Spezialisierungen bis zu möglichen Doppelabschlüssen.

Meine spezifische Ausrichtung konzentriert sich auf zwei Themen: Erstens untersuchen wir, wie Design, Arts and Crafts sowie Architektur im globalen Norden und Süden unterschiedlich definiert und praktiziert werden. Hier spielen Themen wie Gesellschaft, Wertesysteme, Handlungspraktiken, (Design)Sprache und kulturelle Codierungen bis zu globalen Tendenzen und der Zeitbezug von Farbigkeit, Formsprache und Materialität eine Rolle. 

Zweitens beschäftigen wir uns intensiv mit Materialien, Farbigkeit und Färbetechniken. Seit drei Jahren forsche ich hier zur Färbung mit Koka – einer jahrhundertealten Kulturpflanze, die stark stigmatisiert ist, aber für die Region kulturell bedeutsam bleibt.

Warum gerade die Kokapflanze, und welche Rolle könnte sie außerhalb Kolumbiens spielen?

MS: Nur wenige Pflanzen weltweit werden so stark kultiviert und bieten zugleich eine hohe Material- und Farbstabilität. Gleichzeitig leiden lokale Bauern unter dem illegalen Anbau. Unser durch NGOs finanziertes und staatlich begleitetes Forschungsprojekt will einerseits dazu beitragen, durch die Farbproduktion einen legalen Markt für Kokabauern zu schaffen, ähnlich wie es im medizinischen Bereich bereits geschieht. Andererseits forschen wir dazu, um auch neue Industriestandards für Biomaterialien zu entwickeln. Unsere Normen sind bisher weitgehend auf synthetische Färbetechniken ausgerichtet. Bei natürlichen Produkten muss man aber von minimalen Schwankungen ausgehen. Unsere Ergebnisse beim Auskochen von Kokablättern mit Fique-, Baumwoll- oder Seidenfasern sind immerhin sehr farbstabil.

Vergangenes Jahr arbeiteten wir  eine Woche mit Studierendenmit und einer indigenen Gemeinschaft in El Tambo, im Süden Kolumbiens, zusammen. Dort lernten wir zum Beispiel, wie man Kokablätter kultiviert, dann bearbeitet, röstet, reibt oder auskocht und daraus Farbstoffe gewinnt. Je nach Verfahren entstehen unterschiedliche Rezepturen, Intensitäten und Farbtypen. Durch Zitronensäure oder Oxide lässt sich der pH-Wert verändern, wodurch die Farben heller oder dunkler werden – von kräftigem Gelb bis zu dunklem Grün. Mischt man Wurzelpflanzen hinzu, entstehen Violett- und Blautöne. Pflanzenpigmente ermöglichen also eine breite Farbpalette. Derzeit spreche ich mit zwei Textilunternehmen und einer Kosmetikfirma, um industrielle Produktlinien zu entwickeln. So wollen wir das Potenzial der Kokapflanze sichtbarer machen.

Was kann man sich unter dem Studium von Farbdesign vorstellen, und in welche Richtungen kann man tätig werden?

MS: Auch wenn wir in der Fakultät Gestaltung interdisziplinär mit zehn Kompetenzfeldern  organisiert sind, kann man an der HAWK Farbdesign bis zum Master studieren – zehn Semester, eine reine Ausbildung. Die Studierenden orientieren sich dabei in den Grundausbildungen oft an den klassischen Designdisziplinen wie Produkt- oder Industriedesign, etwa für die Automobilbranche. Andere interessieren sich eher für eine künstlerisch-freie Ausrichtung oder eher für Raumgestaltung und werden später Interior-Designer. Schwerpunkt ist dabei aber immer das Thema Farbigkeit von Raum, Form, Objekt, Oberfläche oder Textur, deren Aussage, deren Lesbarkeit oder deren Wirkung auf Betrachtende. Vieles, was im Innenausbau oder im Automobildesign an Oberflächen, Beschichtungen und Dekoren entsteht und verwendet wird, wird oft von Farbdesigner*innen entwickelt.

Steht die Studienrichtung im engen Verhältnis zur Industrie?

MS: Wir arbeiten oft eng mit Wirtschaft, Handel und Handwerk zusammen. Dafür gibt es aber auch das Institut International Trendscouting. Es operiert wie eine ausgelagerte Designagentur. Gemeinsam mit fortgeschrittenen Studierenden und Alumni realisieren wir Projekte für große und international agierende Firmen. Zudem betreiben wir seit über 15 Jahren Forschung, etwa zu Farbtendenzen oder zu Wirkungsprinzipien von Farbigkeit auf uns Menschen wie auch zum Thema Stadtraum und Farbidentität.

Heißt das, Sie bestimmen Farbtrends?

MS: Wir bestimmen keine Trends, sondern wir analysieren Megatrends und Entwicklungen aus Design, Architektur bis hin zu Mode, Kunst und Kulturströmungen. Zweimal im Jahr sammeln wir dafür über 10.000 Bilddaten und Informationen aus unterschiedlichen Kulturräumen wie Korea, Kolumbien und Deutschland und werten sie mit unseren Partnern aus. Für unterschiedliche Zielgruppen und Anwendungen werden dann eher kurzfristige bis langfristige „Zukunftsmodelle“ entwickelt. Wir formulieren so aktuelle Farb- und Formtendenzen für 2027 sowie etwa Zukunftsszenarien für die Gebäudehülle der nächsten 10 bis 15 Jahre für einen großen deutschen Verband.

Farbe und Zukunft sind also ein wichtiger Handlungsraum des Farbdesigns und auch ein Forschungsschwerpunkt. Aber wie erwähnt beschäftigen wir uns darüber hinaus auch mit zwei weiteren wichtigen Fokusthemen im Farbdesign: Farbwirkung und Stadtfarbe.

Wie beurteilen Sie die Wirkung von Farben?

MS: Seit vielen Jahren forschen wir zum Thema Farbe und Emotionen. Farbigkeit und Farben beeinflussen bekanntermaßen Raum, Atmosphäre und empfundenes Wohlbefinden. Unsere aktuellen Forschungen sollen ein neues Fundament für Wirkungsprinzipien legen, die Lern- oder Genesungsprozesse fördern können.

Dieses Forschungsfeld ist eng mit Gesundheit verknüpft, die in Lateinamerika anders verstanden wird als in Deutschland, wo sie oft nur als Abwesenheit von Krankheit gilt. Wir übertragen in vielen Teilen Erkenntnisse aus Kolumbien nach Europa, etwa zum Thema Gesundheit und Wohlbefinden im Raum, zum Beispiel für Bauleitfäden. Aktuell arbeiten wir an einem Leitfaden für Münchens größte Schulbauoffensive. Bisher fehlte darin das Thema Farbe und Atmosphäre.

Welche Rolle spielt ein Leitfaden für Gestalter*innen?

MS: Ein Leitfaden soll kein starres Korsett sein oder wie eine Backfertigmischung funktionieren, sondern Orientierung bieten. Er soll durch eine begründbare und validierte Auswahl von Farbkompositionen dabei helfen, gewünschte Atmosphären zu schaffen – unabhängig von Alter, Geschlecht oder Kultur. 

Unabhängig?

MS: Ja, das hört sich ungewöhnlich an, ist aber bis zu einem bestimmten Punkt laut unserer Studien der spontanen und affektiven emotionalen Wirkung möglich. Beim Betreten eines Raums nehmen wir zunächst Farbigkeit als Atmosphäre in Millisekunden wahr. Diese spontane emotionale Wirkung auf uns lässt sich messen. Weltweit gibt es nur wenige Hochschulen – von den USA bis Korea –, die in diesem Bereich Erfahrung haben. Die Interpretation des Erlebten, die bewusste Bewertung dessen, was wir dann „sehen und lesen im Raum“, ist dann wieder spezifisch und individuell. Aber der „erste Eindruck“ legt das Fundament für eine dann eher positiv empfundene und bewertete Atmosphäre, so die Emotionspsychologie.

Gestaltende übersetzen diese „Farb-Navigation“ in Raumkonzepte und in die dazu nötigen Ausbaumaterialien wie Bodenbeläge, Möbel, Texturen und Strukturen. Je nach Funktions- und Kulturraum wird die „Farb-Navigation“ unterschiedlich umgesetzt. Hier kommen dann lokale und kulturelle Besonderheiten, aber auch Zeitbezüge ins Spiel.

Was genau untersuchen Sie im Themenschwerpunkt Stadtfarbe?

MS: Stadtfarbe betrifft die Identität und Lesbarkeit von Stadt und Raum. Für jene Stadtteile, die von Bauten der Wohnungswirtschaft oder der Nachkriegszeit geprägt sind, gilt es, eine angemessene Farb- und Materialsprache zu entwickeln, die Identität und atmosphärische Qualität generiert. Das trainieren wir an der HAWK im Studienbereich Farbdesign durch Kurse, in denen wir Stadträume analysieren und Farb- und Materialkompositionen, aber auch Strukturen und Texturen für Fassaden entwickeln. Oft auch in Zusammenarbeit mit dem Handwerk und angehenden Maler- und Lackiermeistern wie der Fachschule in Hamburg. Beispiele der Anwendung sind vielschichtig, wie das Dom-Römer-Areal in Frankfurt als „neu entwickelter historischer Stadtraum“ oder das Märkische Viertel als Hochhaussiedlung im Bestand in Berlin.

Hier geht es weniger um Trends, sondern um stadträumliche Kontexte. Bau-, Kunst- und Kulturgeschichte spielen eine zentrale Rolle. Unsere Kurse zu Stadtfarbe ziehen oft auch Architekturstudierende an, da Farbgestaltung im Architekturstudium kaum gelehrt wird.

Abschließend eine wichtige Aufklärungsfrage: Was genau verstehen Sie unter dem Begriff „Farbe“?

MS: Im Spanischen und Englischen unterscheidet man zwischen „pintura“ (Farbe im Eimer) und „color“ (Farbigkeit). Im Deutschen gibt es erstaunlicherweise nur den Begriff „Farbe“ für alle Anwendungen. Das führt auch oft zu Verwirrungen. Wenn ich von Farbe spreche, meine ich immer Farbigkeit – nicht die „Farbe im Eimer“. Farbigkeit als Kulturgut, als Sprache, als täglich umgebende Größe zu verstehen, ist so wichtig. Dennoch kennen sich nur wenige Personen wirklich gut damit aus. Deshalb bieten wir es in Hildesheim als übergreifendes und interdisziplinäres Designstudium an.

Wir freuen uns, Sie auf der DOMOTEX 2026 zu treffen. 

Die DOMOTEX 2026 präsentiert Innovationen für Boden, Wand und Decke und bietet Architekt*innen gebündelt Inspiration und Fachwissen.