Hitze adé: Der „Polinature“ Pavillon
Mit einem Gerüst, 1.400 heimischen Pflanzen und einem aufblasbaren Dach verwandelt das Projekt „Polinature“ die Hitze auf dem Harvard-Campus in spürbaren Klimakomfort.
Mitte August 2024 färbte sich der Campus der Harvard University in Cambridge, Massachusetts in ein ungewohntes Grün-Orange. Unter dem Titel "Polinature" realisierte das Architekturbüro Ecosistema Urbano, geleitet von Prof. Belinda Tato und José Luis Vallejo, einen temporären Pavillon. Dieser untersucht, wie sich urbane Mikroklimata mit einfachen, modularen Mitteln erzeugen lassen. Das Projekt knüpft an frühere Arbeiten des Büros an – etwa den "EcoBoulevard" in Madrid oder den "Air-Tree" in Shanghai – und erweitert die Reihe um ein offenes, übertragbares System bioklimatischer Strategien. Für zwei Monate wurde der Pavillon zum räumlichen Labor: Ein Ort, an dem Forschung, Gestaltung und Umwelttechnik ineinandergriffen.
Baukasten gegen urbane Überhitzung
Schnelle Lösungen gegen Hitzeinseln: „Polinature“ funktioniert wie ein offener Baukasten – drei Komponenten, die sich leicht kombinieren lassen: Gerüst, einheimische Pflanzen und ein aufblasbares Dach. Dafür errichteten im ersten Schritt Gerüstbauer ein handelsübliches Ringlock-System, das in modularen Feldern montiert wurde. Diese Rasterstruktur erlaubte flexible Spannweiten, schnelle Montage und Demontage sowie die Integration technischer Leitungen. An den Knotenpunkten befestigten die Teams Pflanzsäcke und Sensoren, ohne in das Tragwerk einzugreifen. Sämtliche Bauteile sind als Open-Source-System dokumentiert und können weltweit reproduziert oder lokal angepasst werden. Mit einem Budget von rund 143.000 US-Dollar demonstrierte das schnell auf- und abbaubare Projekt, dass temporäre, integrierbare Klimainfrastrukturen selbst in großem Maßstab erprobt werden können.
Auch bei der Bepflanzung setzte das Team auf eine klare Strategie: kontinuierliche Blütezeiten, minimaler Pflegeaufwand und maximale Anziehungskraft für Bestäuber. So entstand ein dichtes, artenreiches Blätterdach aus rund 1.400 heimischen Pflanzen. Bereits wenige Tage nach der Eröffnung wurde der Pavillon von Hummeln, Schmetterlingen und Kolibris besiedelt und entwickelte sich zu einem lebendigen urbanen Mikrobiotop.
Klimatisierbares aufblasbares Dach
Über der Vegetationszone spannte sich ein aufblasbares Dach, das zugleich klimatische und atmosphärische Funktionen übernahm. Es bestand aus zwei Komponenten: orangefarbenen Klimablasen und weißen Lichtkapseln. Tagsüber reagierte das System in Echtzeit auf Temperatur und Luftfeuchtigkeit – Sensoren aktivierten kleine Gebläse, die die Blasen aufpumpten und eine sanfte Brise in den Pavillon leiteten. Die zirkulierende Luft verdrängte Wärme nach oben und sorgte für einen spürbaren Kühleffekt. Nach Sonnenuntergang verwandelten sich dann die Lichtkapseln: Energiesparende RGB-LEDs tauchten "Polinature" in ein sanft pulsierendes Licht, das an Glühwürmchen erinnerte. Somit lockte der Pavillon zahlreiche Besucher*innen an und etablierte ihn als Wahrzeichen und Treffpunkt auf dem Campus.
Daten zum Anfassen
Neben dem sinnlichen Erlebnis besitzt "Polinature" auch eine digitale Ebene: Ein Netz aus Sensoren maß kontinuierlich Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Strömungsgeschwindigkeit innerhalb und außerhalb der Struktur. Während der heißesten Wochen des Jahres registrierten die Sensoren Temperaturunterschiede von bis zu vier Grad Celsius zwischen Innen- und Außenraum – erzeugt allein durch das Zusammenspiel von Vegetation, Luftzirkulation und dem aufblasbaren Dach. Die erhobenen Daten wurden in Echtzeit auf Tablets vor Ort und auf der Website des Projekts visualisiert. Damit konnten Besucher*innen nachvollziehen, wie stark der Pavillon das Mikroklima tatsächlich beeinflusst.
Nachklang in der Stadt
Nach dem Abbau im Oktober 2024 wurden sämtliche Komponenten demontiert und vollständig wiederverwendet. Das Gerüst ging an die Hersteller*innen zurück, die Pflanzen wurden an Schulen und Gemeinschaftsgärten in Cambridge verteilt. Aus dem temporären Pavillon entstand so ein verstreutes Ökosystem, das im Stadtraum weiterwächst und die lokale Biodiversität fördert. Das Projekt zeigt, wie temporäre Strukturen zu präzisen Werkzeugen werden können, um urbane Klimaanpassung erfahrbar und zugleich neue Formen kollektiver Aneignung möglich zu machen.