Golden Corn: Modellanalysen zum Bauen mit Stroh
Wie lässt sich mit einem Abfallprodukt der Landwirtschaft bauen? Studierende suchten anhand internationaler Referenzen Hilfestellungen für nachhaltige Konstruktionen – und fanden sie im Stroh.
Was, wenn die Rohstoffe unserer Gebäude nicht nur gebaut, sondern auch gewachsen wären? Im Projekt „Bauen mit Stroh“ an der Hochschule Kaiserslautern beschäftigten sich Masterstudierende unter der Leitung von Prof. Sabrina Wirtz und Nils Fischer mit den gestalterischen, technischen und ökologischen Möglichkeiten eines der ältesten Baustoffe der Welt. Den Ausgangspunkt bildete die Auseinandersetzung mit gebauten Beispielen aus dem In- und Ausland – vom modernen Strohballenhaus bis zur experimentellen Pavillonarchitektur. Dabei ging es nicht nur um Konstruktion, sondern um ein grundsätzliches Umdenken im Planen und Bauen als Ziel zu erreichen: weg von industrieller Standardisierung, hin zu lokal verfügbaren, CO₂-bindenden Materialien.
Schichtarbeit
In zeichnerischen Analysen, Materialstudien und präzisen Modellen erforschten die Studierenden, wie sich Stroh im architektonischen Aufbau verhält: in Wand, Boden, Dach. Wie werden Ballen gefügt, wie geschützt, wie verputzt? Und was passiert gestalterisch, wenn der Baustoff nicht aus der Fabrik, sondern vom Feld stammt?
Die Ergebnisse zeigten ein überraschend breites Spektrum. Stroh kann tragend wirken, dämmen, strukturieren und vor allem Atmosphäre schaffen. Die Materialproben erzählten von einer Ästhetik, die weder nostalgisch noch roh ist, sondern von Handwerk, Rhythmus und Sinnlichkeit spricht.
Gewachsenes Wissen
Anhand der ausgewählten Referenzen zeigte sich, wie vielfältig und ernstzunehmend der Baustoff eingesetzt wurde und wird: von kleinen Pavillons über hybride Holzbauten bis zu mehrgeschossigen Wohnanlagen. Darunter eine Wohnanlage mit 28 Einheiten, deren 75 Zentimeter starke Strohwände den Passivhausstandard erreiche. Der Blick nach Estland auf eine Strohkapelle zeigt, dass das Material als sichtbare Schicht eingesetzt wird und somit als Ausdruck einer neuen, klimabewussten Ästhetik wirkt. Im Thatched Brick Pavilion in Kopenhagen wird das Material ebenfalls als sichtbare Schicht zum Gestaltungselement. Die analysierten Entwürfe beweisen, wie vielfältig Stroh im architektonischen Maßstab agieren kann – sei es als tragende Struktur, als Dämmung, als Gestaltungselement – und wie aus einem landwirtschaftlichen Nebenprodukt ein ernstzunehmender Baustoff der Zukunft werden könne.
Zwischen Ballen und Modellen
Am Ende des Semesters präsentierten die Studierenden ihre Arbeiten in der Architekturgalerie Kaiserslautern unter dem Titel „Golden Corn“. Zwischen gestapelten Strohballen, Lehmproben und präzisen Modellstudien sollten so die Besucher*innen die Entwürfe mit allen Sinnen wahrnehmen können. Im Begleitprogramm gaben Vorträge und Gespräche, etwa mit Bauherr*innen eines Strohballenhauses, oder Anastasia Hochmuth vom Fachverband Strohballenbau Deutschland e. V., Einblicke.
Goldene Aussichten
Doch „Golden Corn“ war kein Abschluss, sondern vielmehr ein Auftakt. Aufbauend auf den gewonnenen Erkenntnissen entwirft das Studio im Wintersemester 2025/26 einen Strohpavillon, der gemeinsam mit regionalen Partner*innen umgesetzt werden soll. Damit geht das Projekt über die Lehre hinaus: Es folgt dem Anspruch, ein reales Labor für nachhaltige und wachsende Bauweisen zu sein.