Garagen und die Verkehrswende: Eine entwerferische Vision für 2043
Was passiert mit Millionen Kleingaragen, wenn sich Mobilität grundlegend verändert? Gestalterische Szenarien für private Abstellplätze in einer Verkehrswende-Utopie.
Fast jedes Einfamilienhaus besitzt sie: die Garage. In Deutschland gibt es Millionen davon – ein fester Bestandteil des Wohnens. Doch die Verkehrswende, die den Abschied von autozentrierter Mobilität hin zu emissionsärmeren und geteilten Verkehrssystemen fordert, stellt diesen Bautyp infrage. Was geschieht mit der Garage, wenn das Auto seinen Protagonismus verliert? Mit dieser Frage konfrontierten Fabian Hörmann und Frank Stasi ihre Studierenden im Wintersemester 2023/24 an der HFT Stuttgart.
Fokus auf Stuttgart-Stammheim
Mit ihrer einjährigen Vertretungsprofessur am Fachgebiet Klimagerechte und Ressourceneffiziente Architektur verwandelten Hörmann und Stasi die Vorlesung „Klima und Architektur“ in ein entwurfsorientiertes Studioformat. Statt theoretischer Analysen suchten sie nach einem Thema, das gesellschaftliche, räumliche und klimatische Transformationsprozesse verbindet. Daraus entstand in einer Einfamilienhaussiedlung im Stuttgarter Stadtteil Stammheim das Semesterprojekt „Das Tor zur Welt“ .
In Deutschland gibt es laut Statistischem Bundesamt rund 13,5 Millionen Einfamilienhäuser – und ähnlich viele private Stellplätze. Diese monofunktionalen Wohngebiete an der Stadtperipherie geraten zunehmend in den Fokus architektonischer Debatten. Während Entwurfs- und Forschungsprojekte Nachverdichtung oder alternative Wohnmodelle untersuchen, blickte „Das Tor zur Welt“ auf eine oft übersehene Typologie: die Kleingarage. Dafür kam eine besondere, von Optimismus getriebene Strategie zum Einsatz.
Regnose: Ein Blick in die Zukunft
Die Augen schließen und sich gedanklich in eine imaginäre Zukunft positionieren – so funktioniert die Methode der Regnose, geprägt vom Forscher Matthias Horx. Im Gegensatz zur Prognose denkt sie von einem idealen Zukunftszustand rückwärts und leitet daraus notwendige Entwicklungsschritte ab.
Für das Projekt bedeutete das einen gedanklichen Sprung ins Jahr 2043. In den Szenarien der Studierenden zeigte sich Stuttgart als weitgehend autoarme Stadt. Grünräume ersetzen Verkehrsflächen, Fahrradinfrastruktur und öffentlicher Nahverkehr dominieren den Alltag. Dezentrale Mobility Hubs organisieren Mobilität gemeinschaftlich. Statt obsolet zu werden, verwandelten sich hier die Garagen in räumliche Ressourcen.
Garagen als Katalysatoren der Nachbarschaft
In Zweierteams wählten die Teilnehmenden konkrete Adressen im Quartier aus. Erste Erkenntnis: Garagen lassen sich durch ein- oder zweigeschossige Aufstockung erweitern. Besonders Garagenzeilen mit mehreren gekoppelten Einheiten boten Potenzial für größere Nutzungen, etwa Gewächshaus, Nahversorger, Ateliers für Kreative, temporäres Wohnen oder Reparaturcafés. Doppel- und Duplexgaragen dienten wiederum als Pop-up-Store oder Veranstaltungsstätte. Ein Projekt stapelte sogar zusätzlichen Wohnraum auf die Grundfläche einer Einzelgarage.
Auch die städtebauliche Komponente spielte eine Rolle: Mehrere Projekte nutzen die Stellplätze als neue Eingänge oder strategische Treffpunkte im Quartier. Die ehemals privaten Strukturen wurden so zu halböffentlichen Schnittstellen in der Nachbarschaft.
Anpassungsfähigkeit über die Verkehrswende hinaus
Im darauffolgenden Sommersemester entwickelte eine neue Studierendengruppe die Konzepte konstruktiv weiter. Die einjährige Beschäftigung mit der Kleingarage zeigte ihre überraschende Anpassungsfähigkeit und machte den optimistischen Zukunftsentwurf plausibel. Gleichzeitig würden Eigentumsverhältnisse, Baurecht und infrastrukturelle Voraussetzungen eine zeitnahe Umsetzung erschweren. Deswegen setzt Fabian Hörmann seine Forschung fort: An der Universität Liechtenstein untersucht er aktuell die adaptiven Fähigkeiten von Baustrukturen.