Ein Leichtbau, der schwer Eindruck macht: Die „Stuttgarter Kronen“

Auf einem Parkplatz der Uni Stuttgart errichteten Studierende drei filigrane Pavillons, die den Campus zur Stadt hin öffneten und einen temporären Treffpunkt schufen.

Seit 2022 entwirft und baut der Lehrstuhl für Nachhaltigkeit, Baukonstruktion und Entwerfen der Universität Stuttgart jährlich Holz-Leichtbaukonstruktionen. Rund 160 Studierende im zweiten Semester gestalten unter der Leitung von Prof. Jens Ludloff Tragwerke aus einfachen Holzleisten, die am Ende im Maßstab 1:1 als Pavillons gebaut werden. In den vergangenen Jahren entstanden so Gewächshäuser, Festivalpavillons und ein kleiner Kulturort in Stuttgart-Vaihingen.

Im Sommersemester 2025 rückte erstmals der eigene Campus in den Mittelpunkt: Eine bislang als Parkplatz genutzte Asphaltfläche an der Keplerstraße wurde zum Experimentierfeld für eine neue Verbindung zwischen Stadt und Universität. Dort entstanden die drei Holzpavillons – die „Stuttgarter Kronen“.

Vom Studium in die Praxis

Das Projekt erstreckte sich über zwei Semester. Im Wintersemester analysierten die Studierenden im Modul „Bautechnische Grundlagen“ universitäre Architekturen aus 150 Jahren Stuttgarter Baugeschichte. Sie zeichneten, modellierten und setzten sich mit politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Hintergründen auseinander – ein Zugang, der ein grundlegendes Verständnis für konstruktive Prinzipien und ihre heutige Relevanz schaffen sollte.

Anschließend folgte die erste praktische Aufgabe im Sommersemester: Aus einem einzigen Holzbrett sollten sie einen Hocker ohne Verschnitt produzieren. Der „AA Stool“ des japanischen Büros Torafu Architects diente als Vorlage. Ein zusätzlicher Tageslehrgang zu Akkuschrauber, Maßband und Japansäge zeigte die Studierenden, wie man einen Entwurf mit den eigenen Händen umsetzt. Die Hocker wurden später nicht nur als Sitzgelegenheiten, sondern als mobile Werkbänke genutzt – ständige Begleiter, auf denen während des gesamten Projekts gemessen, gesägt und montiert wurde.

Entwerfen als Teamarbeit

Für die Pavillons entwickelten alle Studierenden zunächst individuelle Entwürfe für Dreigelenkrahmen – als „Giebel“, „Bogen“ oder „Trog“. Aus rund 150 Modellstudien im Maßstab 1:20 wählten die Studios jeweils drei Ansätze aus und bearbeiteten sie in Gruppen weiter. Die Entwürfe orientieren sich an den historischen „Strukturen der Einfachheit“: Bauweisen, die mit minimalem Material maximale Stabilität und Klarheit erzeugen. Diese konstruktiven Vorbilder zeigten, wie Tragfähigkeit, Effizienz und Ästhetik durch konsequent reduzierte Systeme entstehen können. Am Ende nominierte jedes Studio zwei Projekte für die Umsetzung. So kristallisierten sich 22 Einzelentwürfe heraus, die zu drei achteckigen Pavillons – den „Kronen“ – zusammengeführt wurden.

Drei Tage bauen – mit System

Vor dem Aufbau fertigten die Gruppen ihre Module in der Uniwerkstatt vor. Klare Richtlinien definierten den Rahmen: Bögen durften maximal 4,5 Meter hoch und 3,5 Meter breit sein, Holzlatten nicht länger als 2,5 Meter. Alles musste durch Türen und Aufzüge passen und von wenigen Personen transportiert werden können.

Wie sie diese Anforderungen mit minimalem Material erfüllten, lag bei den Studierenden – dafür setzten sie auf modulare Bauteile und wiederlösbare Verbindungen, die den Transport vereinfachten und Anpassungen vor Ort ermöglichten. Innerhalb von drei Sommertagen entstanden dann die drei Pavillons: Zwei „Kronen“ wurden am Samstag errichtet, die dritte am Sonntag, am Montag folgte die farbliche Gestaltung. Erst beim Aufrichten wurde deutlich, wie die achteckige Grundform funktioniert: Die einzelnen Rahmen greifen wie Zacken ineinander und bilden einen Ring, der sich um einen Sperrholzring als zentralen Knotenpunkt spannt. Manche Rahmen ließen sich in einem Stück aufrichten, andere wuchsen Stück für Stück in die Höhe. 

Mit dem Entfernen der Behelfsstützen wurde sichtbar, wie aus filigranen Elementen selbsttragende Räume entstehen konnten. Beim Richtfest ließ sich spüren, wie stark der Eingriff den Ort verwandelte: Aus einer Abstellfläche wurde ein Platz, der betreten, durchquert und genutzt werden wollte.

Eine neue Mitte für den Campus

In den folgenden Monaten zeigte sich die Wirkung der Pavillons: Über den Sommer bespielten die Studierenden die Pavillons gemeinsam mit dem studierenden Verein Café Faust: Konzerte, Veranstaltungen und offene Formate brachten Leben auf den Platz. Die Kronen lieferten die räumliche Struktur dafür: filigran, leicht gebaut, aber mit starkem Eindruck.