Ein Haus als Experiment: Internationale Sommerschule bei Prezier 8
Ein leerstehendes Bauernhaus soll ein Kulturzentrum werden. Internationale Studierende beteiligten sich an dem Bauprozess im Rahmen einer Sommerschule, bei der Handwerk, Gestaltung und Kunst aufeinandertrafen.
Ein denkmalgeschütztes Vierständerhaus von 1823 im niedersächsischen Lemgow im Rundling Prezier gelegen, erfährt derzeit eine umfassende bauliche und inhaltliche Transformation. Jonas Käckenmester und Kay Fischer vom Berliner studio kaefi gründeten dafür die gemeinnützige Gesellschaft Atelierhaus Prezier 8. Ihr Anliegen: das seit Jahren leerstehende Gebäude im Sinne einer progressiven Denkmalpflege zu restaurieren und als Ort für Kunst und Baukultur im ländlichen Raum neu zu verankern. Die Entwicklung erfolgt bewusst gemeinschaftlich: mit der Dorfbevölkerung, mit Kulturschaffenden, Handwerker*innen, lokalen Expert*innen und Studierenden. So wie im August 2025, als 20 Studierende der Leibniz Universität Hannover, der Technischen Universität Brünn (TU Brünn), sowie der Technischen Universität Wien (TU Wien) am Haus lernen und experimentieren konnten.
Prezier 8 – eine neue Adresse für Kunst und Baukultur
Mit einem Angebot an Arbeits- und Ausstellungsräumen für Residenzprogramme strebt das Projekt Prezier 8 an, das Bauernhaus zu einem Kulturzentrum umzuprogrammieren. Dies soll gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft, Kulturschaffenden, Handwerker*innen, lokalen Expert*innen und Studierenden entstehen – eine kuratierte, kollektive Erfahrung.
Jonas und Kay interessieren sich weniger für das fertige Ergebnis als für den Prozess. Sie verantworten die Architekturplanung, während die Atelierhaus Prezier 8 gGmbH die Umsetzung und den Betrieb übernimmt. Die prototypische Aktivierung des Bestands dient zugleich als Experiment und knüpft an Jonas’ Forschungsarbeit an. Darin untersucht er, wie Transformationsprozesse das architektonische Erbe ländlicher Räume regenerieren können.
Das Haus als Experimentierfeld
Europäische und lokale Fördermittel sichern die Sanierung der gefährdeten Gebäudeteile und Fassaden des Fachwerkhauses. Die Summer School selbst konnte mithilfe der EULiST Alliance finanziert werden. Das EU-geförderte Netzwerk umfasst 10 Hochschulen, von denen drei an der Organisation beteiligt waren. Jonas Käckenmester der Leibniz Universität Hannover, Nikola Beim von der TU Brünn und Katharina Paschburg der TU Wien brachten schließlich 20 internationale Studierende in Prezier zusammen. Zwei Wochen lang wurde das Haus im August 2025 zum lebendigen Labor, in dem traditionelle Konservierungsweisen und experimentelle Techniken erprobt werden sollten. Die Teilnehmenden arbeiteten direkt am Bestand, dokumentierten, reparierten und entwickelten erste gestalterische Vorschläge für eine zukünftige Nutzung.
Mapping als Methode
Die Hauptaufgabe bestand im vollumfänglichen Erkunden des Bestands. In Fünfergruppen aufgeteilt, kartierten die Studierenden das Gebäude zu folgenden Themen:
- Das Team „Kontext und Netzwerk“ untersuchte die historischen, sozio-kulturellen, klimatischen und baulichen Zusammenhänge des Hauses.
- Die Gruppe „Prozesse“ analysierte lokale Nutzungsmuster, soziale Routinen sowie räumliche und ökologische Anpassungen.
- Unter dem Thema „vernakuläre Transformation“ dokumentierten die Studierenden Bauteile, Materialien und Techniken sowie deren strukturelle, funktionale und ästhetische Veränderungen.
- „Fragmente und Zusammenhänge“ widmete sich physischen Objekten wie Werkzeugen, Möbeln und handgefertigten Elementen sowie deren räumlichen Bezügen.
Darüber hinaus galt es, eine Zeichentechnik zu entwickeln, die jeder Gruppe für die Präsentation der Kartierungen diente. Ergänzt durch weitere Darstellungsformate – Skizzen, Texte, Fotos, Film, Modell –, sollte ein kohärentes Werk entstehen, das zum Schluss des Workshops ausgestellt und mit der Öffentlichkeit diskutiert werden konnte. Die Erkenntnisse aus der Mapping-Analyse übersetzten die Teams in gestalterische Interventionen am Gebäude.
Ein baukultureller Melting Pot
Das Rahmenprogramm war dicht: Vorträge von lokalen und internationalen Expert*innen, Exkursionen zu Transformationsprojekten und Material-Workshops vervollständigten den Ablauf der Sommerschule. Ein Symposium bot Einblicke in Projekte aus Deutschland, Österreich, der Slowakei und Tschechien; Exkursionen – etwa zur Sägemühle Herbsthausen oder zur Komturei Werben – sollte das Verständnis regionaler Ressourcen vertiefen. In örtlichen Holz- und Ziegelwerkstätten sowie bei einem Lehm-Workshop vertieften die Studierenden ihr Materialverständnis. Die Sommerschule endete mit der öffentlichen Vorstellung der Kartierungsergebnisse. Dabei wurde das Haus selbst zum Ausstellungsobjekt und Schaulager.
Für zwei Wochen verwandelte sich Prezier in einen Ort des Zusammenkommens und des Wissenstransfers zwischen internationalen Expert*innen, der lokalen Gemeinschaft und Kommiliton*innen anderer Hochschulen. Die Sommerschule scheint, eine nachhaltige Wirkung vor Ort zu hinterlassen und bewährte sich als Format an der Schnittstelle von Denkmalpflege, lokalem Handwerk und Experiment.