Buenos Aires Typ trifft Berliner Block: Ein Lehrprojekt zum Vokabular der Stadtarchitektur
Was kann eine Analyse der Urtypen der Architekturgeschichte von Buenos Aires bedeuten, und wie lassen sich die Ergebnisse auf den europäischen Kontext übertragen?
Im Sommersemester 2025 erkundeten Studierende am Fachgebiet Städtebau der Universität Kassel die argentinische Hauptstadt Buenos Aires und deren Interaktion zwischen Architektur und Stadt. Unter der Leitung von Jens Wolter analysierten sie im Entwurfsstudio zunächst Bautypen und passten die Konzepte in einem Stegreifentwurf an den Berliner Kontext an. Die Ergebnisse flossen in die Forschungsdokumentation „Learning From Buenos Aires“ ein.
Warum gerade Buenos Aires?
Die Architektur von Buenos Aires trägt eine europäische Handschrift – geprägt durch Kolonialzeit und Masseneinwanderung im 19. und 20. Jahrhundert. Baustile und Konstruktionstechniken aus Italien, Spanien, Deutschland und Osteuropa passten sich den lokalen Gegebenheiten an und schufen Gebäudetypen mit neuer räumlicher und sozialer Prägung. Vom Hochhaus über die Passage bis zum Solitär-Hochhaus entwickelte sich die Stadt zu einem Inkubator hybrider Bautypologien.
Mit 15 Millionen Einwohner*innen gehört die Metropolregion zu den größten der Welt, der Stadtstaat Buenos Aires mit 15.000 Personen pro Quadratkilometer zu den dichtesten. Jens Wolter lebte und lehrte dort 17 Jahre. Heute erforscht er die Stadt: In seiner Dissertation analysiert er die Genese und Morphologie ihrer heterogenen Stadtblöcke. In der Lehre nahm er die Studierenden mit auf eine Entdeckungsreise.
Katalog der Urtypen
Die Teilnehmenden näherten sich dem Untersuchungsobjekt mit analytischer Präzision. Sie isolierten Bautypen und untersuchten konkrete Fallbeispiele anhand von Kennwerten wie Kompaktheit, Dichte und Nutzungsdurchmischung. So erkannten sie die räumliche Logik der Gebäude und ordneten sie historisch ein. Dabei wurde deutlich, wie städtebauliche Entwicklungen die architektonischen Typen prägten. Selbst die uneinheitlichsten Stadtblöcke – Zeugen überlagerter Epochen, Regularien und Stile – ließen sich als Ganzes begreifen.
Ein städtebauliches Cadavre Exquis
Durch die detaillierte Studie großstädtischer Bautypologien sollten die Studierenden ein Vokabular erarbeiten, das sie auf andere urbane Kontexte anwenden könnten – eine Art universelle städtebauliche Sprache. Diese sollten sie im zweiten Teil der Übung auf bestimmte urbane Situationen in Berliner Quartier Moabit anwenden und weiterentwickeln. Der Stegreifentwurf prüfte die Übertragbarkeit der Erkenntnisse in einen neuen Kontext.
Diese Lehrmethode erinnert an den spielerischen Ansatz der Surrealisten, die Wörter oder Bilder ohne vorherige Verbindung kombinierten, um neue Bedeutungen hervorzubringen. Scheinbar willkürlich, basiert jedoch die Cadavre-Exquis-Methode auf einem strengen Regelsystem: eine einheitliche Grammatik und ein geteiltes Vokabular. In diesem Fall bot die städtebauliche Logik diese Grundlage.