Biegsames Anlehnen: Wie Studio Lehn Möbel mit Materiallogik denkt

Handwerkliche Prägung, Dampfbiegen und minimal-invasive Eingriffe zeichnen die Möbel und Umbauten von Juro Lehmann und seinem 2024 gegründeten Studio Lehn aus.

Mit Studio Lehn etablierte Juro Lehmann im Oktober 2024 in Berlin ein Atelier, das sich zwischen Möbelentwurf, Innenarchitektur und konzeptioneller Planung bewegt. Die Gründung fiel zusammen mit der Einladung zur Stockholm Furniture Fair, wo der Innenarchitekt seine ersten Prototypen präsentierte. Dort wurde deutlich, was das Studio ausmacht: präzise, materialgerechte und kontextbewusste Entwürfe – im Maßstab des Stuhls ebenso wie im Maßstab des Raumes.

#StudioUnderConstruction wirft einen Blick auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.

Verwurzelung im Handwerk 

Juros Zugang zur Architektur ist untrennbar mit seiner handwerklichen Herkunft verbunden. Schon früh prägten die Werkstatt des Großvaters und die Sanierung eines brandenburgischen Vierseithofs durch den Vater sein Verständnis für Materialeigenschaften und konstruktive Logik. An der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle vertiefte er dieses Wissen im Studium der Innenarchitektur, wobei ihn vor allem die starke Objektausrichtung prägte. Zuvor arbeitete er bereits als Tischler, im Messebau und als Subunternehmer für Planungsbüros – Tätigkeiten, die sein technisches Fundament stärkten, zugleich aber den Wunsch nach eigenständiger gestalterischer Arbeit schärften. Ein Aufenthalt im Südtiroler Architekturbüro Marx und Ladurna brachte weitere planerische Erfahrung. Der entscheidende Schritt in die Selbstständigkeit erfolgte schließlich mit der Präsentation eigener Möbelentwürfe im „Greenhouse“ der Stockholm Furniture Fair: Aus einem Prototyp und einem Portfolio erwuchs für ihn der Anspruch, die Kombination aus Möbel- und Raumgestaltung als eigenständiges Studio zu etablieren.

Materiallogik und konstruktive Präzision 

Seine Möbelentwürfe entstehen unmittelbar aus dem handwerklichen Prozess. Beispielhaft ist der „Lehn Chair“, dessen Rückenlehne durch Dampfbiegetechnik geformt wird. Diese Methode erhält den Faserverlauf des Holzes, vermeidet Schwächungen und reduziert Materialverluste im Vergleich zu industriellen Fräsungen oder formverleimten Verfahren. Das Ergebnis zeigt eine reduzierte, geometrische Form mit sichtbaren Verbindungspunkten – eine Konstruktion, die sich bewusst nicht hinter Verkleidung verbirgt, sondern ihre eigene Logik zeigt.



Ein zweites Schlüsselprojekt ist der Tisch „Geodetic“, dessen Gestalt aus einer geodätischen Prinzipienlogik abgeleitet ist. Drei Radien definieren die Verbindung der Rahmenteile. An den Eckpunkten entstehen stabile Längs-auf-Längs-Verleimungen, die ohne zusätzliche Verbindungstechniken auskommen. In Kombination mit Linoleum als Arbeitsfläche ergibt sich ein Möbel, das Materialökonomie mit klarer Formensprache verbindet. 

„Ich versuche immer herauszufinden, wo ich noch weniger Material verbauen kann – nicht aus Formalismus, sondern aus Respekt vor dem Werkstoff“, erklärt uns Juro im Gespräch.

Beide Entwürfe verdeutlichen, was der Innenarchitekt als „minimal-invasives Design“ bezeichnet: Keine bloße formale Reduktion, sondern die präzise Prüfung, welche Eingriffe tatsächlich notwendig sind – ob im Möbel oder im Raum. Ressourcenschonung, konstruktive Ehrlichkeit und sichtbare Fügung bilden die Leitmotive dieser Arbeit.

Räume und Perspektiven

Neben den Möbelobjekten verfolgt der Gründer eine erweiterte architektonische Praxis. Ein Beispiel ist die Gestaltung eines Gastronomiestands in einem Berliner Food Court: Hier verband sich konzeptioneller Entwurf mit handwerklicher Umsetzung in eigener Werkstatt. Solche Projekte sollen zeigen, wie Möbel, Raum und Konstruktion zu einer kohärenten Einheit werden können. Perspektivisch will das Studio den Bereich Innenarchitektur im Bestand weiter ausbauen – insbesondere durch Umbauten, die vorhandene Substanz respektvoll transformieren. Parallel entwickelt Juro die Möbelkollektion weiter und plant den Aufbau eines Onlineshops, der die selbstproduzierten Objekte zugänglich macht. Langfristig steht auch eine eigene Fertigungsstruktur, etwa in Brandenburg, zur Diskussion. Studio Lehn positioniert sich damit bewusst gegen oberflächliche Stilfragen und setzt stattdessen auf Substanz: Gestaltung als reflektierter Beitrag zum gebauten Alltag – handwerklich fundiert und materialbewusst.