Bewusste Außenseiterinnen: Wie Studio An-An Resonanzräume erzeugt
Elena Zixuan Luo und Bella Wu schaffen mit Studio An-An temporäre Interventionen, die Materialien, Menschen und Orte neu verbinden – und das aus einer bewussten Außenperspektive.
Gegründet in Chicago von Elena Zixuan Luo und Bella Wu, bewegt sich Studio An-An zwischen Architektur, Kunst und Stadtforschung. Ihre Projekte – Installationen, urbane Möbel und räumliche Experimente – aktivieren bestehende Kontexte, statt sie zu dominieren. Das Büro erlangte internationale Sichtbarkeit durch Wettbewerbe, Ausstellungen und realisierte Installationen – etwa bei der Romanian Design Week, dem Concéntrico Festival oder im Seoul Center of Architecture and Urbanism. Fragen nach Empathie, Wiederverwendung und einer Architektur, die bestehende Situationen nicht ersetzt, sondern lesbar macht, bilden das Zentrum ihrer Arbeit.
#StudioUnderConstruction wirft einen Blick auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.
Vom Großmaßstab zur eigenen Praxis
Luo und Wu lernten sich während ihres Architekturstudiums an der Harvard Graduate School of Design kennen. Ihre Wege führten sie von China über die USA nach Europa, mit Stationen bei Studio Gang, Höweler & Yoon, Neri&Hu oder ZAO/standardarchitecture. Dort arbeiteten sie vor allem an Großprojekten – eine Erfahrung, die zu einer gewissen Distanz führte: „Man arbeitet an Millionen Quadratmetern und verliert dabei schnell den Bezug zum menschlichen Maßstab“, beschreibt Luo rückblickend. Studio An-An entstand aus dem Wunsch, sich mit Themen zu befassen, die im Büroalltag oft keinen Raum finden: Materialkreisläufe, soziale Nutzung, unmittelbare räumliche Wirkung. Internationale Wettbewerbe wurden für sie zum Experimentierfeld, um eigene Ideen zu erproben – parallel zur Berufspraxis, oft an Wochenenden.
Architektur als empathische Praxis
Ein prägendes Projekt dieser frühen Phase ist „Stacks of …“, ein Wettbewerbsbeitrag für eine Bushaltestelle in Italien. Luo und Wu nutzten ausschließlich vorgefundene Materialien: Holzreste, Steine und Fragmente. Sie sortierten die Bauteile nach Gewicht, Länge und Farbe und schichteten sie zu einer offenen Überdachung. Schwere Elemente stabilisierten die Konstruktion, leichtere bildeten einen durchlässigen Baldachin. Entscheidend war dabei nicht nur das Resultat, sondern der Prozess: „Wir sammeln zuerst das Material und lassen es bestimmen, was entstehen kann“, so Wu. Architektur wird hier als offenes System verstanden, an dem sich auch die Öffentlichkeit beteiligen könnte.
Intimität im öffentlichen Raum
Ein weiteres Projekt, „A Window for a Crying Soul“, entstand 2019 für das Seoul Center of Architecture and Urbanism. Die Installation thematisiert Rückzug und emotionale Zugänglichkeit im öffentlichen Raum. In unmittelbarer Nähe einer Kathedrale platziert, fungierte das Objekt als Schwelle zwischen Außenwelt und innerer Reflexion. Für das Duo war der Bauprozess prägend: Von der Anpassung an den Ort bis zur Kommunikation mit lokalen Handwerkern wurde ihnen deutlich, wie sehr sich Konzepte im realen Umfeld verändern.
Bänke und der Blick von außen
Mit „¡Me Apunto!“, der 2025 bei Concéntrico X Romanian Design Week realisierten Installation in Bukarest, übersetzte Studio An-An ihre Haltung in ein urbanes Möbel. Die bewusst schlicht gestalteten Bänke laden zum Sitzen, Liegen oder Beobachten ein und schaffen neue soziale Begegnungen im Stadtraum. Für Luo und Wu spiegelt das Projekt auch ihre Rolle als Planerinnen „von außen“ wider. In wechselnden kulturellen Kontexten zu arbeiten, bedeutet für sie, nichts als gegeben hinzunehmen. Dieses Fremdsein schärft ihren Blick, fördert Lernprozesse und ermöglicht eine Architektur, die leise auftritt, aber nachhaltig wirkt.