Ausgestelltes Material und Erfahrungen: Die Sommerschule „Stimmen und Steine“ in Wulfen

Vom 22. bis 27. August 2022 setzten sich Studierende, Schüler*innen und Lehrende mit der Wulfener Markthalle auseinander, der ein baldiger Abriss bevorsteht. Die Sommerschule „Stimmen und Steine“ erkundete das materielle und das immaterielle Erbe des Gebäudekomplexes. Ein Interview mit Prof. Jan Kampshoff, Jonathan Schmalöer und Maximilian Steverding.

Technische Universität Berlin

Ein Interview geführt von Sorana Radulescu | 30.09.2022

Die „Neue Stadt Wulfen“ – heutzutage als Wulfen-Barkenberg ein Stadtteil der Gemeinde Dorsten bekannt – sorgt als Planexperiment der Sechzigerjahre seit ihrer Errichtung für Kontroverse und Kritik. Unterschiedliche Gründe führten zum scheinbaren Verfall der geplanten Kleinstadt. Letztens hat das traurige Schicksal der von Josef Paul Kleihues erbauten Ladenpassage am Wulfener Markt die Aufmerksamkeit der Architekturbranche erweckt. Drei Initiativen haben sich vorgenommen, das materielle und immaterielle Erbe der leerstehenden Gebäudestruktur kurz vor dem Abriss zu erkunden. Durch die einwöchige Sommerschule „Stimmen und Steine“ haben die Mitglieder von Ruhrmoderne e. V., Baukreisel Kollektiv und Referat für Stadtverbesserung* zu dem Wiederentdecken der verborgenen Schätze unseres jungen Baubestandes eingeladen. Vom 22. bis 27. August 2022 setzten sich Studierende, Schüler*innen und Lehrende mit der Wulfener Markthalle auseinander. Wir haben mit Prof. Jan Kampshoff, Mitglied der Ruhrmoderne e.V. und Professor an der Technischen Universität Berlin (TU Berlin)Jonathan Schmalöer, Gründer des Architekturkollektivs Baukreisel, und Maximilian Steverding, Stellvertreter des Referats für Stadtverbesserung*, über ihre Auseinandersetzung mit dem Schicksal des Gebäudekomplexes in der Neuen Stadt Wulfen gesprochen.

Wie haben Sie Wulfen als Veranstaltungsort der Sommerschule ausgewählt und wie sind Sie auf das Projekt „Wulfener Markt“ gekommen?

Jan Kampshoff: Die Sommerschule „Stimmen und Steine“ steht in einer Reihe von Auseinandersetzungen, die in der Neuen Stadt Wulfen – heute zugehörig zur Stadt Dorsten – stattgefunden haben. Bereits 2015 haben wir uns unter dem Titel „Hausaufgaben im Münsterland“ mit der Zukunftstauglichkeit der Einfamilienhaus-Typologie auseinandergesetzt. 2018 haben wir im Rahmen der Sommerschule „Auf Wiedersehen Utopia!“ eine Holzstruktur gebaut, die an experimentelle Wohnbauten aus Wulfen erinnerte.

Meine Begeisterung für den Ort trat 2015 durch den ersten Workshop ein, weil ich die Neue Stadt Wulfen in meinem Studium nicht kennengelernt habe. Es liegt wahrscheinlich daran, dass eine gewisse Generation von Professor*innen eine große Skepsis hinsichtlich dieser modernen, utopischen Ideen und dieser Experimentierlust entwickelt hatte. Aber als ich sie entdeckt habe, hat mich diese Stadt, die so alt ist wie ich, unglaublich überrascht. Indem wir mehrmals dort gewesen sind, entstand seitdem auch eine gewisse Kontinuität. Darüber hinaus waren Fritz Eggeling und Peter Poelzig, die zusammen mit Hans Stumpfl und Günter Marschall die Stadt geplant haben, Professoren an der TU Berlin – es gibt also auch einen institutionellen Bezug.

Jonathan Schmalöer: Wulfen ist eine sehr junge Stadt. Der Gebäudekomplex des Wulfener Marktes ist gerade 40 Jahre alt und soll demnächst abgerissen werden. Entworfen von dem bekannten Architekten Josef Paul Kleihues, ist das Gebäude das anspruchsvoll gebaut und konzeptionell stark. Wenn man sich einmal damit befasst hat, ist man gleich begeistert und überlegt sich, was man damit unternehmen kann. Was bedeutet dieser Baustein – nicht nur historisch, sondern auch zeitgenössisch – für den Ort?

Maximilian Steverding: Beim Referat für Stadtverbesserung* setzen wir uns mit den größeren Zusammenhängen von Stadträumen und der Gesellschaft auseinander. Wir erhielten die Anfrage für ein Projekt über ein interessantes Gebäude, das für die gesamte Stadt eine Bedeutung hat. Uns beschäftigten gleich die Fragen: Was leistet das Gebäude aktuell? Was für eine Leerstelle entsteht nach dem Abriss?

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Gebäudekomplex abgerissen wird. Wie sind Sie an diese Aufgabe herangegangen angesichts des unmittelbaren Verschwindens des Gebäudes?

Maximilian Steverding: Der bevorstehende Abriss des Wulfener Marktes war uns allen bewusst. In gewisser Weise bot die Sommerschule den Wulfener Bewohner*innen die Gelegenheit, einen Abschied von dem Gebäude und dem Ort zu nehmen. Über unsere eigenen Erfahrungen und Erlebnisse in der Stadt haben wir schnell erkannt, dass noch eine enorme Wertschätzung für den Ort und für die Nutzung des Gebäudes existiert. Was eigentlich betrauert wird, ist der Zustand, das Pflegedefizit in dem Gebäude.

Für die Ausstellung am Ende der Sommerschule haben wir uns mit den Studierenden die Frage gestellt, was und in welcher Form wir ausstellen können. Wenn das ganze Gebäude nicht mehr als solches weiterexistieren kann, dann verwenden wir zumindest das Material, das wir entlang der Woche aus dem Gebäude herausgeholt haben, als Erinnerungsanker. Dadurch, dass wir die Passage leergeräumt und bespielt haben, wurde das Haus plötzlich selbst zum ausgestellten Objekt.

Jonathan Schmalöer: Bemerkenswert war die Transformation, die wir alle durchmachten. Die Ausstellung am Ende der Sommerschule hat es veranschaulicht: Wir haben eine Ruine für einen Tag aus dem Dornröschenschlaf geweckt.

Die Sommerschule „Stimmen und Steine“ thematisierte den Verfall der Neuen Stadt Wulfen anhand des Schicksals des Wulfener Marktes. Wie definieren Sie das Scheitern der Stadt?

Jan Kampshoff: Man muss zwischen zwei Aspekten des Scheiterns differenzieren: Einerseits kann man über ein architektonisches oder stadtplanerisches Scheitern reden, andererseits können äußere Faktoren zum Scheitern geführt haben. Die Neue Stadt Wulfen wurde ursprünglich für 50.000 Personen geplant. Die tatsächliche Einwohner*innenzahl erreichte aber den Maximalwert von 12.500, jetzt sind es nur noch mehr 8.000. Aus unterschiedlichen Gründen, wie zum Beispiel der Ölkrise, ist es nicht mehr zu dem prognostizierten wirtschaftlichen und strukturellen Wachstum dieser Region gekommen. Somit sind wesentliche Infrastrukturen, wie auch eben der Wulfener Markt, für eine Stadt ausgelegt worden, die sich nicht in Gänze entwickelt hat. Ein weiterer Grund des Scheiterns der Neuen Stadt Wulfen ist die in den Neunzigerjahren fehlgeleitete Asylpolitik. Aufgrund von einem großen Leerstand wurden Personen unterschiedlicher, teilweise verfeindeter Völkergruppen zusammen untergebracht. Dadurch entstanden tatsächlich soziale Brennpunkte. Auf einer fachlichen Ebene fehlt es auch an der richtigen Wertschätzung des Baubestands.

Wie haben Sie die Sommerschule geplant und durchgeführt? Wie kann man sich den Ablauf vorstellen?

Jonathan Schmalöer: Kern der Sommerschule, die wir als Reallabor geplant und angekündigt hatten, waren die 18 Studierenden, die aus ganz Deutschland kamen. Durch den Verein Baukultur Nordrhein-Westfalen, der uns finanziell unterstützt hat, kam auch der Kontakt zur Montessori Schule vor Ort. 25 Acht- und Neuntklässler*innen haben uns von Montag bis Freitag auf der Baustelle unterstützt. Von Seite der Organisator*innen waren wir vom Referat für Stadtverbesserung* und dem Kollektiv Baukreisel vor Ort. Die Ruhrmoderne war durch die Professor*innen Jan Kampshoff von der TU Berlin, Tim Rieniets von der Leibniz Universität Hannover und Yasemin Utku von der TH Köln vertreten. Das immaterielle Erbe – Stimmen – und das materielle Erbe – Steine – machten unsere zwei Workshops aus.

Für den „Stimmen“-Workshop haben wir auf dem Marktplatz vor dem Gebäude einen Tisch mit dem Stadtplan von Wulfen aufgebaut. Das war der Anlass, um mit den Anrainer*innen und Besucher*innen ins Gespräch zu treten. Wir haben viel von ihren Lebensrealitäten erfahren.

Was den „Steine“-Workshop angeht, wusste niemand, was uns erwartet. Wenn man mit einem bestehenden Gebäude arbeitet und es öffnet, gibt es immer wieder Überraschungen und Unerwartetes, auf das man sich einstellen muss. Zusammen mit den Studierenden und den Schüler*innen haben wir uns im Laufe der Woche immer wieder die Fragen gestellt: Was funktioniert gut? Was ist wertvoll? Wie können wir Material gut ausbauen? Was kann noch wiederverwertet werden?

Welche Auswirkung haben die Sommerschule und die Abschlussveranstaltung auf die Teilnehmenden und auf die Öffentlichkeit gehabt?

Jan Kampshoff: Bei den Schüler*innen der Montessori Schule hat man eine wahnsinnige Lust gespürt, mit Material zu arbeiten. Bei den Studierenden war es beeindruckend, wie breit gefächert sie diesen Workshop verstanden und aufgegriffen haben. Es wurde mir klar, dass die Kraft der Transformation in den einfachen, kleinen Schritten liegt. Darüber ermöglichte die Sommerschule den Einstieg in die Frage, wie wir aus der Architekturdisziplin heraus eine Position beziehen können, die im Einklang mit einer neuen Sicht auf die Welt ist, damit der nächste Abriss nicht einfach so hingenommen wird. Das ist natürlich eine große Frage, die sich alle Beteiligten bei der Abschlussveranstaltung am 27. August ebenfalls gestellt haben. Durch diese Sommerschule haben wir einen Impuls gesetzt, die konkrete Situation zu überdenken, auch wenn laut Voraussetzung dieses Gebäude abgerissen wird.

Wenn man auf die letzten sieben Jahre zurückblickt, startete die Ruhrmoderne mit der Anwesenheit von Theo Deutinger, dem Architekten und großen Denker, der teilweise polemische Themen aufgegriffen hat. Er diskutierte unter anderen den Abriss des Hallenbades der Architekten Günther Marschall, Heinz Burbaum und Hans Joachim Thielke und den drohenden Abriss der Rathausbauten von van den Broek und Bakema in Marl. Wir haben gemerkt, dass über Projekte wie „Big Beautiful Buildings“ von der Landesinitiative StadtBauKultur NRW, die das Wiederentdecken unserer gebauten Schätze sehr prominent zum Thema gemacht haben, der Diskurs schrittweise weitergetragen wird. Das geht nicht nur von uns, der Ruhrmoderne, aus, aber wir sind auf jeden Fall ein Treiber in der Region.

Durch „Stimmen und Steine“ kommt nun eine weitere Argumentationsebene dazu. Mit „Stimmen“ ging es uns nicht ausschließlich darum, wichtige Zeitzeugen und Zeitzeuginnen zu befragen, sondern auch die Qualität dieser Alltagsorte sichtbar zu machen. Mit „Steinen“ beleuchten wir die materielle Ebene der Ressourcen, die noch ein weiteres Argument gegen den Abriss bietet. Aus der Logik der Ressourcenschonung heraus betrachtet, können wir es uns eigentlich nicht mehr leisten, solche Gebäude zur Diskussion zu stellen. Ich bin gespannt, wie sich das jetzt im Diskurs weiterentwickelt.

Maximilian Steverding: Der Abbau des Materials während der Sommerschule ist exemplarisch gewesen, um ein Licht darauf zu werfen, dass dieses Gebäude eben nicht nur als vollendetes Werk eine Bedeutung hat, sondern eben als Struktur, als Ort, als Erinnerungsträger. Aus dieser Aufladung des Materials mit Wert ist eigentlich noch mal ein viel größeres Verständnis dafür entstanden, dass das Gebäude an sich auch in der bestehenden Konfiguration weiter funktionieren kann.

Was passiert mit dem Gebäudekomplex nach der Sommerschule? Habt ihr das Schicksal des Wulfener Marktes beeinflussen können?

Jonathan Schmalöer: Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben und stellten die Fragen: Fängt man an abzureißen, bevor man überhaupt weiß, was danach an dem Platz kommt? Kann sich die Stadt ein Riesenloch, eine riesige Brachfläche leisten? Die Einwohhner*innen können es sich teilweise gar nicht vorstellen.

Maximilian Steverding: Alle, die mit uns die Woche in Wulfen verbracht haben oder bei der Ausstellung vor Ort gewesen sind, haben erkannt, dass es sich vielleicht doch lohnen könnte, das Marktgebäude stehen zu lassen. Wir haben den Anwohnenden immer die Frage gestellt: Was hat man lieber, die bestehende Fassade oder die Schotterfläche? Der Transformationsprozess ist essentiell. Wie gestaltet sich die Transformation weiter? Braucht der Wulfener Markt wirklich ein Tabula rasa oder eher ein vermittelter Übergang in eine neue Zukunft und einen neuen Zustand?

Jan Kampshoff: Wir sind in der Situation, dass ein Wohn- und Geschäftshaus mit hohen Fördermitteln abgerissen wird, um dann Investoren für ein neues Wohn- und Geschäftshaus zu suchen. Es gibt nach wie vor Förderung für einen Abriss, ohne eine Argumentation zu haben, was wirklich daraus entstehen soll. Das passiert außerdem in einer Region mit strukturellen Schwierigkeiten und einer relativ geringen Kaufkraft der Bevölkerung. Von außen betrachtet scheint alles etwas unlogisch. Wir sind der Meinung, dass ein reduzierter und vielleicht temporär bespielter Wulfener Markt immer besser ist als die Schotterfläche.
Meiner Meinung nach hat der Workshop gezeigt, dass ein Haus, in dem man eigentlich nicht mehr hereingehen durfte, auf einmal durch den Einsatz der Studierenden und Schüler*innen belebt werden konnte, und dass die einzelnen Räume eine unglaubliche Qualität als Ausstellungsorte aufweisen. Zu glauben, dass durch Abriss von Gebäuden eine Art neutrale Grundlage geschaffen wird, wo man wieder frei denken kann, ist wirklich nicht mehr zeitgemäß.