Aus dem Moor zum Modul: Der „Green Container“

Eine Sumpfpflanze wird zum Baustoff: Der „Green Container“ zeigt Typha als tragendes Leichtbausystem.

Wie lässt sich ein pflanzlicher Rohstoff in tragende Architektur übersetzen? Das Forschungsprojekt „Green Container“ zeigt einen Weg: Gemeinsam mit Studierenden und im Rahmen seiner Dissertation entwickelt Prof. Manfred Lux leitend an der Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL) sowie mit der Universität Greifswald ein monolithisches Bausystem aus Typha. Die Idee dahinter ist einfach und radikal: Boden, Wand und Decke nicht getrennt denken, sondern als geschlossene Rahmenelemente „aus einem Guss" gestalten. Das Ergebnis ist ein Demonstrator, der den gesamten Weg des Rohstoffs – vom Anbau bis zum realisierten Raum – in einem Bauteil erfahrbar macht. Ziel ist ein leichtes, modulares Prinzip, das sich für Kleingebäude, Tiny Houses und Aufstockungen im Bestand eignet.

 

Typha als Hochleistungswerkstoff

Typha, auch Rohrkolben genannt, wächst in Feuchtgebieten – an Ufern, in Sümpfen und auf nassen Böden. Seine Struktur aus tragfähigen Fasern und luftgefüllten Hohlräumen macht ihn zu einem wertvollen Baustoff: Er trägt Lasten und dämmt zugleich. Mit seiner geringen Dichte ist Typha leichter als Holz und als mineralische Baustoffe. Zudem wächst Typha schnell und liefert hohe Erträge, was ihn auch für größere Bauprojekte interessant macht. Doch wie lässt sich dieses Potenzial konstruktiv nutzen?

Forschung trifft Lehre

Das Forschungsprojekt „Green Container“ verbindet Materialforschung konsequent mit der Lehre. An beiden Standorten sind Studierende direkt in den Prozess eingebunden: An der Universität Greifswald ernten sie die Typhapflanzen auf Versuchsanbauflächen in Mecklenburg-Vorpommern und bereiten den Rohstoff für die Weiterverarbeitung auf. Parallel dazu übernehmen Studierende der TH OWL die konstruktive Entwicklung und fertigen aus dem Material die ersten Bauteile.

Die ersten Materialproben aus Typha entstanden in Wahlpflichtfächern und Forschungsmodulen. Dabei untersuchten die Studierenden experimentell, wie die pflanzlichen Fasern mit Kasein-Kalk-Leim reagieren, wie sich Tragfähigkeit und Dämmleistung entwickeln, und wie sich das Volumen beim Pressen reduziert. Theorie und Praxis gingen hier Hand in Hand: Jede Probe lieferte neue Erkenntnisse für die Konstruktion der späteren Bauteile.

Workshop 2024: Von der Pflanze zum Rahmen

Den Sprung vom Labor in den Maßstab 1:1 wagten die Beteiligten erstmals in einem Workshop 2024: Rund 20 Studierende arbeiteten mehrere Tage an den Rahmenelementen. Sie ernteten, spalteten, beleimten die Pflanzen und verdichteten sie in Schalungen – alles in Handarbeit. Nach dem Trocknen erhielten die Elemente ihre tragende Form. Am Ende standen robuste Bauteile, die in einem Stecksystem zu einem Raum gefügt werden konnten. Der Workshop machte den Herstellungsprozess erlebbar und bot Studierenden die Möglichkeit, Materialverhalten, Fügung und Konstruktion zu erproben und zu reflektieren.

Konstruktion und Modulsystem

Die Rahmen des „Green Container“ sind rund 50 Zentimeter tief, etwa 140 Kilogramm schwer und lassen sich ohne schwere Geräte montieren. Durch das modulare Stecksystem lassen sich mehrere Bauteile zu einem zusammenhängenden Raum verbinden. Tragwerk und Dämmung verschmelzen dabei in einer monolithischen Struktur. Mit einer Grundfläche von 13 Quadratmetern, einer Höhe von 2,60 Metern und einer Breite von 2,40 Metern ergibt sich ein kompaktes Einraummodul, das die grundlegenden Wohnfunktionen wie Schlafen, Kochen und Bad aufnehmen kann. Die geringe Masse der Elemente ermöglicht einfache Handhabung, flexible Anpassung und unkomplizierten Transport.

Potenzial für Aufstockungen und Leichtbau

Das modulare Typha-System eröffnet neue Möglichkeiten für leichtgewichtige und anpassbare Bauten. Einzelne Module lassen sich kombinieren, stapeln oder erweitern – ideal für Aufstockungen im urbanen Bestand oder für temporäre Erweiterungen. Die einfache Handhabung und das geringe Eigengewicht der Bauteile machen den „Green Container“ zu einem skalierbaren Ansatz, der sowohl ökologisch als auch konstruktiv neue Wege für ressourcenschonende Architektur im Bestand aufzeigt.

Der gesamte Entwicklungsweg wird nun erstmals öffentlich sichtbar: Vom 14. bis 30. April 2026 präsentiert die TH OWL das Projekt in der Detmolder Schule für Gestaltung. Die Ausstellung „Von der Pflanze zum Baustoff zur Konstruktion zum Raum" blickt zurück auf den jahrelangen Forschungs- und Entwicklungsprozess und präsentiert den Prototyp im Maßstab 1:1. Zugleich richtet sie den Blick nach vorn: Was folgt als nächster Schritt? Welche Wege ergeben sich für das Bauen von morgen?