Mehr als nur Wegbereiter: Ein Hörspaziergang zu Dessaus Laubenganghäusern
Basierend auf den Ergebnissen eines mehrjährigen Forschungsprojekts über die Laubenganghäuser des Bauhauses Dessau hat die Universität Kassel einen kostenfrei zugänglichen Hörspaziergang entwickelt – pünktlich zum 100-jährigen Bauhaus Jubiläum.
Als Walter Gropius 1928 das Bauhaus verließ, übernahm Hannes Meyer die Leitung. Die Stadt Dessau beauftragte ihn, die Bauhaussiedlung Dessau-Törten zu erweitern. Meyer und zwölf seiner Studierenden entwarfen eine Mischung aus Einfamilien- und Laubenganghäusern. Doch von den ehrgeizigen Plänen wurden nur fünf dreigeschossige Gebäude realisiert. Die Erweiterung der Siedlung war der größte Bauauftrag, den das Bauhaus je erhielt und die 1930 errichteten Laubenganghäuser sind die einzigen kollektiv gestalteten Bauten des Bauhauses, die noch erhalten sind.
Bauhaus zum Anhören
Im Wintersemester 2024/25 erstellten Studierende der Universität Kassel und Kunsthochschule Kassel unter Leitung von Jens-Uwe Fischer einen kostenfrei zugänglichen Hörspaziergang, der im Vorfeld des 100-jährigen Jubiläums des Bauhauses Dessau veröffentlicht wurde. Grundlage des Audiowalks ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt über die Laubenganghäuser in Dessau-Törten. Die auditive Stadtführung ermöglicht eine intensive Auseinandersetzung mit der Siedlung, die seit 2017 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Ursprünglich für einkommensschwache Familien gebaut, spiegeln die Häuser – wie das gesamte städtebauliche Konzept – die sozial orientierten Prinzipien des Bauhauses in Architektur, Stadtplanung, Ausstattung und Möblierung wider.
Bildung zum Mitnehmen
Der Podcast führt in elf Episoden entlang eines Pfades mit ebenso vielen Stationen durch die Siedlung. Eine interaktive Karte auf dem Smartphone zeigt den aktuellen Standort und den nächsten Halt. Die 90-minütige Zeitreise beginnt am Konsumgebäude im Ortskern. Von dort aus tauchen die Zuhörer*innen in die Geschichte des Bauhauses und der Laubenganghäuser ein. Sie werden aktiv in das Hörprogramm eingebunden und sollen sich bewusst auf die Umgebung konzentrieren, statt auf ihre Smartphones zu schauen.
Volksbedarf statt Luxusbedarf
Hannes Meyer prägte das Bauhaus mit dem Leitsatz „Volksbedarf statt Luxusbedarf“. Um dieses Prinzip umzusetzen, mussten die Gebäude kostengünstig gebaut werden, ohne auf Funktionalität und durchdachte Ausstattung zu verzichten. Trotz der sparsamen Bauweise investierte man in technische Infrastruktur, die den Alltag erleichterte. Diese Fortschrittlichkeit prägt bis heute das Stadtbild.
Während die Zuhörer*innen das erste der fünf Laubenganghäuser erkunden, liefert der Audioguide spannende Details. So gab es am westlichen Ende des Laubengangs einst einen Müllschlucker – ein Fallrohr, das Abfälle direkt in eine Tonne leitete. Für die damalige Zeit war das eine bemerkenswerte Innovation.
Kurztrip in die Vergangenheit
Der Hörspaziergang beleuchtet auch die sogenannten Paulick-Bauten. Diese unscheinbaren Gebäude setzten die Ideologie des Bauhauses nach Hannes Meyers Entlassung 1930 fort. Ebenfalls werden die dunklen Kapitel der Siedlungsgeschichte thematisiert. Wo heute Einfamilienhäuser stehen, ließ der nationalsozialistische Dessauer Magistrat zwischen 1933 und 1935 acht große Baracken errichten. In die Behelfsunterkünfte wurden Familien eingewiesen, die das NS-Regime als „asozial“ stigmatisierte.
Der Audiowalk verbindet architekturgeschichtliche Inhalte mit räumlicher Erfahrung. Er macht die Hintergründe der Bauhaussiedlung Dessau-Törten auf verständliche und eindrückliche Weise zugänglich.