Interventionist: Architektur entsteht durch Handlung
Gestern hängte er wieder eine Tür aus, schliff sie unten ab und fettete die Scharniere. Das jahrhundertealte Fachwerkhaus, in dem Matthias Faul aufwuchs, knarzt, hat Versprünge zwischen den Räumen und Decken, unter denen man sich bücken muss. Genau das brachte ihn zur Architektur: nicht der Wunsch nach dem perfekten Objekt, sondern das Gefühl für Orte, die man liebt und deshalb pflegt. Heute führt er sein eigenes Architekturbüro in Maßweiler, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Urban Design bei Prof. Benedikt Boucsein an der TU München und Doktorand.
Was er dort lehrt, folgt derselben Logik: Vier Jahre lang konfrontierte Matthias die Studierenden seiner Interventionsklasse mit realen Situationen. Das bedeutete, Baulücken aktivieren, Genehmigungen beantragen oder die Gerüstbaufirma überzeugen. Und wenn es plötzlich regnet und das Konzept nicht aufgeht? Dann heißt es improvisieren.
Matthias sieht seine Aufgabe darin, Studierende zu bestärken, über sich hinauszuwachsen. Drei Studentinnen etwa nutzten das Format, um den ersten studentisch gegründeten Lehrstuhl der TU München ins Leben zu rufen – den Chair of Unlearning, der heteronormative Vorbilder in der Architekturlehre hinterfragt. Oder: Closing the Circle, ein deutschlandweiter Wettbewerb rund um Modellbau aus recycelten Materialien, der heute ein Netzwerk von zehn Universitäten verbindet. Die Interventionsklasse hat Matthias inzwischen aufgelöst und als Methode ins reguläre Studio des Lehrstuhls überführt.
Was bedeutet es, Lehrende als "Ally" zu verstehen statt als reine Wissensvermittler*innen? Wo liegt die Grenze zwischen Unterstützung und Übernahme? Und was kann Intervention, was KI nicht kann? Ein Gespräch über Empowerment und Räume, die durch Handlung entstehen.
Teaserbild: Matthias Faul, Foto: Jan Gutjahr
Host und Produktion: Kerstin Kuhnekath
Redaktion und Text: Katharina Lux