Regisseurin: Vom Detail zurück in die Welt
Drei Tage hinter einem Wasserfall gefangen: hören, aber nicht gehört werden, sehen, aber nicht gesehen werden. Aus dieser Geschichte eines realen Unfalls macht Julia Groteclaes den Dokumentarfilm „Hinter den Farben“, derzeit in der ARD-Mediathek abrufbar. Die ausgebildete Architektin arbeitet heute als Regisseurin in Berlin und untersucht, wie sich strukturelle Themen über persönliche Erfahrungen erzählen lassen.
In dieser Folge wird schnell klar, dass ihr Weg zum Film kein Bruch darstellt, sondern eine Fortsetzung. Ihre Bachelorarbeit an der Fachhochschule Münster war ein Textprojekt ohne Entwurf – eine Selbststudie zum Minimalismus, in der Recherche und Gesprächsführung Vorrang erhielten. An der Filmakademie Baden-Württemberg studierte Julia anschließend Regie mit Schwerpunkt Dokumentarfilm und nutzte die Zeit bewusst für eigene Projekte. Aus der Architektur nimmt sie weniger die Baupraxis mit als eine Denkschule – das Pendeln zwischen Detail und Kontext, zwischen 1:1 und 1:1000.
Genau dieses Pingpong prägt ihre Filme. In „Hinter den Farben“ schlüpfen acht Sprechende auf einem Stuhl vor schwarzem Hintergrund in die Rolle des Verunglückten. Der radikal reduzierte Raum schafft Assoziationen, anstellte Biografien zu erzählen. Im „Heimspiel“, ausgezeichnet mit dem Deutschen Wirtschaftsfilmpreis 2022, verhandelt Julia das Braunkohlerevier über Nachbarschaften. Diese Haltung gibt sie auch in ihrer Lehre an Film- und Architekturhochschulen weiter: Studierende sollen ruhig einmal beim Detail beginnen statt beim Schwarzplan.
Was gewinnt die Architektur, wenn sie vom Individuellen zum Strukturellen denkt? Wo verläuft die Grenze zwischen Reportage, Dokumentarfilm und Kunst? Und was sagen Etiketten wie „Newcomerin“ über eine Branche mit prekären Bedingungen?
Ob Fachplaner*in im konventionellen Architekturbüro oder Grenzgänger*in im Bühnenbau: In unserem „ALUMNI-Podcast: Studiert, um zu bauen?“ sprechen wir mit unseren Gästen über ihre beruflichen Stationen nach dem absolvierten Architekturstudium, über ihre aktuelle Situation und die Wege, die sie dorthin geführt haben.
Teaserbild: Julia Groteclaes, Foto: Jens Peters
Host und Produktion: Kerstin Kuhnekath
Redaktion und Text: Katharina Lux