Der weibliche Blick: European Research Council Starting Grant an Dr. Anne Hultzsch verliehen

Zum ersten Mal wurde der European Research Council Starting Grant einem Forschungsprojekt des Fachbereichs Architektur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich verliehen. Fünf Jahre lang werden die Privatdozentin Dr. Anne Hultzsch und ihr Forschungsteam weibliche Architekturerfahrung in Europa und Südamerika im 18. und 19. Jahrhundert untersuchen.

Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

np | 27.04.2022

Die Architekturgeschichtsschreibung konzentriert sich häufig auf die von Männern dominierten Prozesse des Entwurfs und der Produktion. Das Forschungsteam um Dr. Anne Hultzsch nimmt am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich mit dem Projekt „Women Writing Architecture: Female Experiences of the Built 1700-1900“ ein anderes Medium in den Fokus: geschriebene Beiträge von Frauen zur Architekturkultur. Im Rahmen des Projekts werden Zeitschriftenartikel, Reiseberichte, Haushaltsanleitungen, Flugblätter und andere Schriftstücke untersucht, die von Frauen in Südamerika und Europa im 18. und 19. Jahrhundert verfasst wurden. Mit dem Forschungsvorhaben soll die Architekturgeschichtsschreibung um die fehlende weibliche Perspektive ergänzt werden.

Weiblichen Einfluss auf Architekturkultur verdeutlichen

Historisch betrachtet ist das zu Papier bringen von Ideen im Sinne des Renaissance-Konzepts des Disegno Männern vorbehalten gewesen, erläutert Hultzsch. Der Begriff konstituiere die Zeichnung als physisches Abbild der künstlerischen Idee – auch in einem religiösen Sinne. Darunter fallen auch Architekturentwürfe, die heute noch im Fokus des architekturhistorischen Kanons stehen. Aus der Sicht der Forschungsgruppe müssen über den Entwurf und die Produktion von Architektur hinaus auch die Prozesse der Rezeption und der Aneignung einbezogen werden, um den weiblichen Einfluss auf die Architekturkultur offenzulegen. Der Grund: Frauen haben zumeist gezwungenermaßen den schriftlichen Weg gewählt, um das Gebaute und dessen Wahrnehmung zu dokumentieren, zu kritisieren und so zu beeinflussen.

Umfang und Methode

Die Forschenden nehmen Material von 1700 bis 1900 in den Blick und bearbeiten damit einen Zeitraum sozialer, politischer, technologischer und architektonischer Umbrüche. Die zu untersuchende Epoche ist von Industrialisierung, Kolonisierung und Revolution, Nationalstaatenbildung und Unabhängigkeit, Historismus und Professionalisierung geprägt. Räumlich gesehen liegt der Fokus des Projekts auf den Ländern Chile, Peru, Argentinien, Großbritannien und auf dem deutschsprachigen Teil Europas.

Dr. Anne Hultzsch und ihr Team verfolgen bei ihren Untersuchungen eine feministische Herangehensweise. Dies bedeutet eine Konzentration auf die Schreibweise, die Stimme und subjektive Erfahrungsbeschreibungen. Zu den interdisziplinären Methoden, die die Gruppe anwendet, gehören Makro- und Mikroanalysen, close und distant readings sowie die geografische Kartierung.

Dr. Anne Hultzsch

Nach ihrer Promotion 2011 an der Bartlett School of Architecture (UCL) war Dr. Anne Hultzsch von 2014 bis 2018 Postdoktorierende im Projekt „The Printed and the Built" an der Oslo School of Architecture and Design (AHO). Außerdem arbeitete sie an der Bartlett School of Architecture, der University of Greenwich, der New York University London und der Queen Mary University of London, bis sie 2021 eine Position am gta der ETH Zürich angenommen hat. Ihre Forschung konzentriert sich auf architektonische Publikationen des 18. und 19. Jahrhunderts, die Wahrnehmungsgeschichte, Reisen und Rolle der Frau in der Architektur vor 1900.