Zwischen Garantie und Autarkie: Ein Beitrag zur Selbstverantwortung für die Transformation in der Lausitz

Zwischen Braunkohlebaggern, verlassenen Werkshallen und blühenden Kleingärten: Marius Birnbreier richtet in seiner Diplomarbeit den Blick auf die unscheinbaren Alltagsräume von Weißwasser – und untersucht, wie Raumgerechtigkeit im Lausitzer Strukturwandel aussehen kann.

Weißwasser im Winter 2024: Ich kannte die Lausitz aus meinem Bachelorstudium und hatte mir ausgemalt, wie neue Impulse das Bild verändern könnten. Gedanken an lebendige Neufert-Bauten oder ein ausgebautes Radwegenetz begleiteten mich. Wochenlang las ich über Geschichte und Gegenwart der Region, voller Erwartung auf ein Wiedersehen. 

Vor Ort jedoch brauchte es viel Fantasie, um an diese Zukunft zu glauben. Die Kälte lockte nur wenige auf die Straßen. So entstand ein Bild weiter Flächen zwischen mystischer Stille und eigensinniger Normalität. Ich suchte nach Umbrüchen, nach Spuren des Kohleausstiegs und den milliardenschweren Investitionen. Schnell wurde klar: Diese Vorstellungen mussten weichen. Ein neuer Zugang war nötig – weg von fertigen Plänen, hin zu der Frage, wo und durch wen, Wandel getragen wird.

Das Lausitzer Raumgeschehen verstehen 

Die sogenannte „Peripherisierung“ kannte ich bislang nur aus der Theorie. In Weißwasser wollte ich sie sehen, spüren, dokumentieren. Mit einem geliehenen DDR-Klapprad fuhr ich zu zurückgebauten Plattenbauten, sozialen Treffpunkten, der Abbruchkante des Tagebaus sowie Kleingärten und Garagenhöfen. Typische Orte, die zwischen Garantie und Autarkie changieren und in ihrer Alltäglichkeit das Gesicht der Stadt prägen. Aus Skizzen, Fotos und Notizen entstand eine Sammlung von Alltagstypologien. Sie erlauben einen neuen Blick auf die Oberlausitz, jenseits der Großprojekte und des Strukturwandel-Pathos. Ich wollte verstehen, was die Menschen dort bewegt.

 

Alltagsräume (neu) entdecken 

Um die Räume zu begreifen, organisierte ich gemeinsam mit dem Sozialen Netzwerk Lausitz einen Workshop. Eingeladen waren Gruppen der Stadtgesellschaft, von Verwaltung bis Verein. Mittels verfremdeter Charaktere und fiktiver Szenarien wollten wir festgefahrene Sichtweisen aufbrechen und neue Perspektiven anstoßen. An einem Nachmittag im Juni entstanden Einblicke aus erster Hand, fernab formeller Diskussionen. Ich stellte fest: Diese Orte sind weit mehr als Funktionsräume. Sie sind Zentren der Selbsthilfe, des Gemeinschaftsgefühls, erstaunlich widerstandsfähig gegenüber Wandel und Krisen.

 

Phase Null – Szenarien statt Masterplan 

Ausgehend von den Workshop-Ergebnissen entwickelte ich drei Zukunftsszenarien im Sinne einer „Phase Null“ für je einen zentralen, hybriden und peripheren Raum. Diese Beispiele stellen keine fertigen Maßnahmen dar, sondern bilden einen offenen Rahmen, der unterschiedliche Prioritäten und Optionen aufnimmt. Anders als klassische Masterpläne sollen sie Debatten anstoßen, bevor schneller Wandel sie überholt.

Im Dialog mit lokalen Akteur*innengruppen und Politik geht es darum, Netzwerke zu festigen, Treffpunkte zu beleben und eine urban geprägte Identität zu schärfen. Alltagsräume werden so zu Ankerpunkten peripherer Gemeinden. Getragen von endogenen Ressourcen, dienen sie als Brücken zwischen Stadt und Land. In einer Region, die bis 2038 aus der Kohle aussteigt, sind solche Narrative dringend nötig, um den Strukturwandelfolgen mit Resilienz zu begegnen.