Wilde Wissenschaft: Ein Wegweiser zu artenfreundlichen Fassadenbegrünungen
Ein Forschungsprojekt untersucht, wie Fassaden kühlen, Lebensräume schaffen und neue ästhetische Maßstäbe jenseits des immergrünen Idealbilds setzen können.
An der Universität Stuttgart wächst eine Fassade, die mehr ist als vertikale Begrünung: Die „Wilde Klimawand“ ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt über biodiversitätsfördernde Gebäudebegrünung. Unter der Leitung von Prof. Philip Leistner (Institut für Akustik und Bauphysik) in Kooperation mit Prof. Leonie Fischer (Institut für Landschaftsplanung und Ökologie) verbindet das Projekt ökologische Forschung mit baulicher Umsetzung. Parallel zum Klimawand-Prototypen erarbeitet das Team einen Leitfaden rund um die zentrale Frage: Wie kann eine Fassade zugleich kühlen, Lebensraum bieten und als skalierbares System funktionieren?
Von Grundlagen zur Anwendung
Das Projekt baut auf der bundesgeförderten, grundlagenorientierten Forschung „BioDivFassade“ auf, die 20 Vertikalbegrünungsbeispiele hinsichtlich Biodiversität, Pflegeaufwand und bauphysikalischer Wirkung systematisch untersucht. Anhand der Ergebnisse erarbeiteten die beiden Institute der Uni Stuttgart mit dem Fraunhofer-Institut für Bauphysik sowie dem Unternehmen Helix Pflanzensysteme das Fassadensystem. Während die Universität die ökologische und gestalterische Konzeption verantwortete, brachte das Fraunhofer-Institut weitere bauphysikalische Expertise für das Monitoring ein und stellte die Fassadenfläche für die Umsetzung zur Verfügung. Mit Helix wurde die Planung des Fassadensystems mit praktischem Know-how verknüpft, ein Pflegekonzept erarbeitet und die wilde Klimawand schließlich realisiert. Die Habitatstrukturen – etwa Nist- und Überwinterungsmodule – wurden eigens gefertigt. Der Bauprozess war prototypisch: Planung, Pflanzenauswahl und technische Integration wurden iterativ abgestimmt.
Ökologisches Monitoring
An der Klimawand selbst werden unter anderem Verdunstungsleistung (bis zu 720 Liter täglich), Temperaturverhalten und akustische Effekte gemessen. Anders als konventionelle Systeme setzt das Team auf hohe strukturelle Vielfalt mit heimischen Wildstauden, Gehölzen und integrierten Habitatmodulen. Entscheidend ist die wissenschaftliche Begleitung: Sensorik erfasst Bewässerungsmengen und Abfluss, Monitoring dokumentiert Tier- und Pflanzenentwicklung. Im aktuellen Diskurs um innovative Fassadenkonzepte gewinnen solche Ansätze an Bedeutung – etwa beim Future Skins Award, der zukunftsweisende und klimapositive Gebäudehüllen prämiert.
Von Blüten und Brachen
Im Sommer erscheint die Fassade dicht, vielschichtig und farbig – ein lebendiger Vegetationskörper, der klassische Fassadenlogik überdeckt. Im Winter hingegen ziehen sich viele Stauden zurück, Samenstände bleiben stehen, Gehölzstrukturen treten hervor. Statt dauerhaftem Grün zeigt sich eine saisonale, mitunter braune und fragmentierte Oberfläche. Diese Veränderlichkeit ist bewusst gewählt: Sie macht ökologische Prozesse sichtbar und unterscheidet sich radikal von konventionell immergrünen Systemen. Akzeptanzstudien zeigen, dass Wissen über die ökologische Funktion die Wahrnehmung positiv beeinflusst.
Umsetzung mit Ausblick
Derzeit dient die Fassade als Reallabor. Vögel brüten in der Vegetation, Insekten nutzen Überwinterungsräume. Gleichzeitig wird das Pflegekonzept erprobt: Zwei gezielte Rückschnitte pro Jahr sichern Biodiversität und Gebäudefunktion. Die Winteroptik – bewusst nicht immergrün – fordert gängige Ästhetikvorstellungen heraus.
Die Wilde Klimawand markiert damit einen Schritt von der Modellfassade zur urbanen Infrastruktur. Als messbares Demonstrationsobjekt und als Grundlage eines detaillierten Leitfadens dient sie Kommunen, Planenden und Herstellern als Referenz für zukünftige, klimaangepasste Fassadenbegrünungen – nicht als fertiges Produkt, sondern als skalierbares Systemprinzip.