Wiener Untergrund als Baustoff: Das Studio „Act of Building“

Das Entwurfsstudio nutzt den Lehmaushub der Wiener U-Bahn als lokalen Baustoff und erprobt ihn in 1:1-Prototypen für eine bioregionale Baupraxis.

In Wien fallen täglich rund 3.000 Tonnen Lehm aus dem Aushub der laufenden U-Bahnerweiterung an. Dieser Materialstrom bildet den Ausgangspunkt für das Entwurfsstudio „Act of Building: Prototyping Vienna“ an der Technischen Universität Wien. Das Studio startete im Sommersemester 2025 und ist Teil eines zweijährigen Forschungs- und Entwicklungsprojekts. Unter der Leitung von Prof. Tina Gregoric untersuchten Studierende in Zusammenarbeit mit BC architects & studies & BC materials aus Brüssel sowie in Kooperation mit Wienerberger und den Wiener Linien konkrete Nutzungsszenarien für den beim U-Bahn-Bau anfallenden Lehm. Auf Basis der Analyse realer Stoffströme aus dem Wiener Tiefbau entwickelten die Studierenden Bauteilprototypen im Maßstab 1:1.

Wien als historischer Resonanzraum

Lehm und Ziegel prägen Wiens Baugeschichte. Die Programme des Roten Wien zeigen, wie eng lokale Ressourcen und industrielle Produktion miteinander verknüpft waren. Das Studio schließt an diese Tradition an und überträgt sie in die Gegenwart. Im Fokus steht, wie lokale Materialien heute unter aktuellen rechtlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedingungen eingesetzt und in regionale Materialkreisläufe eingebunden werden können.

Lesen des Untergrunds

Wie verändert sich das Bauen, wenn der Boden unter unseren Füßen zum Ausgangspunkt wird? Dieser Frage näherten sich die Studierenden über eine Analyse der bestehenden Materialflüsse. Exkursionen zu U-Bahn-Baustellen, Produktionsstätten und Archiven zeigten ihnen, wie Materialien in Wien gewonnen, verarbeitet und verbaut werden. Darauf aufbauend gliederte sich das Studio in fünf Arbeitsgruppen, die unterschiedliche Phasen im urbanen Lebenszyklus von Lehm untersuchten:

  1. Materialressourcen in der Wiener Bioregion 
  2. Gewinnung, Beschaffung, Transport und Logistik 
  3. Verarbeitung und Herstellung 
  4. Bau und Anwendungen 
  5. Erde als Baustoff in Wien: Instandhaltungskultur

Jede Gruppe kartierte dabei die relevanten Akteur*innen, Infrastrukturen und Abhängigkeiten und analysierte bestehende Hindernisse ebenso wie zukünftige Entwicklungspotenziale.

Bauen mit dem Aushub

Daraufhin folgte eine experimentelle Phase. Ausgehend von den physikalischen Eigenschaften des Lehms entwickelten die Studierenden eigene Materialrezepturen und 1:1-Bauteil-Prototypen. Entstanden sind Wand- und Fassadenelemente sowie hybride Lehm-Ziegel-Systeme mit unterschiedlichen konstruktiven und räumlichen Qualitäten. Im letzten Schritt übertrugen die Studierenden diese Bauteile in konkrete architektonische Szenarien. Sie prüften, wo und wie die Elemente in Wien eingesetzt werden könnten, welche Bauaufgaben, räumlichen Situationen und sozialen oder ökologischen Herausforderungen sie lösen könnten. Dabei entwickelten sie Anwendungskonzepte für Neubau, Sanierung und Wohnbau. Anschließend präsentierten die Studierenden ihre Ergebnisse in einer gemeinsamen Abschlussausstellung an der TU Wien. 

Über das Semester hinaus

Die nächste Projektphase baut auf den Arbeiten des Semesters auf: Gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft, Industrie und der Wiener Stadtöffentlichkeit wird die Materialforschung weitergeführt, Prototypen werden vertieft und die Ergebnisse schrittweise aus dem Hochschulkontext herausgetragen. Das Studio „Act of Building: Prototyping Vienna“ macht dabei sichtbar, wie sich der Lehmaushub der Wiener U-Bahn als lokal verfügbare Ressource in überprüfbare Bauteile und realistische architektonische Anwendungen übersetzen lässt – unmittelbar verankert im urbanen Untergrund der Stadt.