Von gepachteten Kühen und 180 Kilogramm Käse: Das Kollektiv Harvest Salon

Wie kann man eine Kuh pachten und was hat das mit Architektur zu tun? In seiner unkonventionellen Arbeit beschäftigt sich das Architekten- und Designertrio Harvest Salon mit ruralen Alpenregionen und den Menschen, die dort leben.

Spektakuläre Gebirgszüge, grasende Kühe, frische Milch – Dafür ist die Alpenregion bekannt. Doch viele Landstriche rund um das Bergmassiv wandeln sich. Das Design- und Filmemacher-Kollektiv Harvest Salon, bestehend aus Livni Holtz, Sebastian Reinicke und Nicolas Seiler, widmet sich in seiner Arbeit intensiv dem Commoning – dem selbstorganisierten, bedürfnisorientierten Produzieren, Verwalten, Pflegen und Nutzen – im Schweizer Raum. Dafür pachten sie Kühe, verkaufen Käse und halten den Prozess in Dokumentarfilmen fest.

Allmende im alpinen Raum

Ein Beispiel für diesen Wandel ist das Schweizer Bergdorf Guttannen, das das Trio im Rahmen einer einmonatigen Feldforschungsreise untersuchte. Auf über 1.000 Metern Höhe leben hier auf einer verhältnismäßig großen Fläche von 200 Quadratkilometern rund 250 Einwohner*innen. Das Dorf geprägt von extremen klimatischen Bedingungen, Lawinen und Erdrutschen. Trotz seiner Abgeschiedenheit sind in der Region mehrere große Wasserkraftanlagen ansässig, die den Strukturwandel maßgeblich vorangetrieben haben. Wo einst Kühe weideten, befinden sich heute Stauseen und -dämme.

Über das Medium Film näherten sich Livni, Sebastian und Nicolas dem Einfluss des lokalen Wasserwerks auf die Landschaft und die Kultur in Guttannen. Sie dokumentierten die wachsende Kluft zwischen einem jahrhundertealten System gemeinschaftlicher Arbeit und der übergestülpten neuen Infrastruktur. Der Wandel gipfelte im Dezember 2023 in der Auflösung der sogenannten Tagwannen – einer nicht-monetären Währung, die in Guttannen traditionell Arbeitsleistungen für die Nutzung der Allmendflächen regelte. Um beispielsweise das Recht zu erhalten, eine Kuh auf die gemeinschaftlich genutzte Weide zu treiben, musste eine bestimmte Anzahl an Arbeitsstunden erbracht werden, die in Tagwannen umgerechnet wurden. Dieses System förderte die gerechte Verteilung von Arbeitslasten und sicherte, dass alle Nutzer*innen der Allmendflächen entsprechend ihrer Nutzung zur Pflege und Erhaltung beitrugen. 

How to Lease a Cow

Der erste Dokumentarfilm des Kollektivs trägt den charmanten Titel „How to Lease a Cow“ und zeigt, wie sich die Alpengemeinde Guttannen an die wirtschaftlichen und infrastrukturellen Veränderungen anpasste. Früher lebte jede Familie im Dorf von der Landwirtschaft und besaß Vieh. Mit der Ansiedlung des regionalen Wasserkraftunternehmens wurde diese Lebensweise jedoch unterbrochen und die bäuerliche Identität des Dorfes untergraben. Die Gemeinde reagierte mit ungewöhnlichen Maßnahmen: Zum ersten Mal in der Geschichte des örtlichen Allmendwesens verpachtete sie eine Kuh an jemanden außerhalb des Dorfs – nämlich an Harvest Salon. In ihrer Arbeit untersuchen die drei die vermittelnde Rolle, die Designer*innen und Architekt*innen in ländlichen Regionen, die von strukturellem und gesellschaftlichen Wandel betroffen sind.

Käseverkauf auf der Dutch Design Week

Aus der einjährigen Beschäftigung mit Guttannen und seinem traditionellen Wirtschaftssystem, das durch die Abschaffung der Tagwannen-Währung einen Bruch erlebte, entstand das Projekt „Käsesyndikat“. Mit der verpachteten Kuh beteiligte sich Harvest Salon der Weidepflege. Im Gegenzug erhielten die drei jährlich 180 Kilogramm Käse. In diesem Kontext übernimmt das Milchprodukt eine doppelte vermittelnde Rolle: Zum einen ist der Käse ein Tauschgut, das durch gemeinsame Arbeit Städter*innen und Bäuer*innen verbindet, zum anderen ist er ein erzählerisches Medium, anhand dessen neue Narrative über Verantwortung und Teilhabe im ländlichen Raum vermittelt werden können.

Den Käse, hergestellt aus der Milch ihrer gepachteten Kuh Winja, verkaufte Harvest Salon während einer neuntägigen Performance an die Besucher*innen der Abschlussausstellung der Design Academy Eindhoven auf der Dutch Design Week 2024. Anhand des Käses erzählten sie die Geschichte, wie sie durch das Pachten einer Kuh mit der bäuerlichen Gemeinschaft in den Schweizer Alpen in Kontakt kamen und ihr gemeinschaftsbasiertes Bewirtschaftungssystem kennenlernten. Jede der verkauften 196 Käseportionen verpackten sie mit einer Einladung zur Abschlusspräsentation eines*einer ihrer 196 Kommiliton*innen. So wurde der Käse erneut zu einer gemeinschaftlichen Ressource – diesmal im akademischen Raum.