Vom Denkmal zum wachsenden Haus: Der Kosmos Hohe Pappeln

Kann ein Gebäude wachsen? Am Haus Hohe Pappeln in Weimar untersuchten Studierende den denkmalgeschützten Bestand als offenen Prozess. In Studios, Seminaren und 1:1-Experimenten erprobten sie dafür Strategien des Weiterbauens.

Kann ein Gebäude jemals wirklich fertig sein – oder gehört Veränderung zu seinem Wesen? Am Haus Hohe Pappeln in Weimar lassen sich diese Fragen exemplarisch verhandeln. Der belgische Architekt Henry van de Velde entwarf das Wohn- und Arbeitshaus 1908 als „Fabrik im eigenen Garten“ – ein räumliches Gefüge, das Leben, Arbeiten und Produktion bewusst miteinander verschränkte. An diese Haltung knüpfte das Projekt „Kosmos Hohe Pappeln – Das wachsende Haus“ unter der Leitung von Prof. Bernd Schmutz an der Bauhaus-Universität Weimar an. Im Sommersemester 2025 untersuchten Bachelor- und Masterstudierende den denkmalgeschützten Bestand in zwei Entwurfsstudios und mehreren Seminaren. Ziel war es, das Haus nicht als statisches Denkmal, sondern als veränderbar zu lesen und Strategien für ein Weiterbauen als auch eine maßvolle Nachverdichtung des Areals zu entwickeln.

Inside Out: Vom Haus in den Garten

Im Bachelorstudio „Henry’s Factory“ galt es, den Entwurf konsequent von innen nach außen zu entwickeln. Auf Grundlage von Aufmaßen, Modellen und einem gemeinsam erarbeiteten Bauformen-Atlas lasen die Studierenden den Bestand und projizierten seine räumliche Logik in den Garten. Entworfen wurden Werkstattgebäude als flexible Ergänzungen, die von Beginn an auf Veränderung ausgelegt sind. Aspekte wie PV-Anlagen und Pflanzenkläranlagen wurden ebenso mitgedacht wie konstruktive Systeme, die ein Weiterwachsen der Neubauten ermöglichen.

Nachbarschaften im Wachstum

Der Maßstab weitete sich im Masterstudio „Henry’s Garden“ auf die Nachbarschaft. Hier übertrugen die Studierenden die Idee des wachsenden Hauses auf den suburbanen Kontext aus Einfamilienhäusern, Gärten und Parzellen. Sie agierten in ihren Entwürfen bewusst wie Gärtner*innen: pflegend, weiterentwickelnd und langfristig denkend. Ausgehend von biologischen Metaphern wie Wachsen, Wurzeln und Kreisläufen entwickelten die Studierenden neue Wohntypologien zwischen Commons, Mehrgenerationenwohnen und Mehrfamilienhaus für die Nachbarschaft.  In Kooperation mit der Klassik Stiftung Weimar bauten sie anschließend den westseitigen Schuppen um und erweiterten ihn. Dieser Prozess diente somit als Testfeld, um die entworfenen Prinzipien des Weiterbauens erstmals im Maßstab 1:1 zu erproben. 

Das wachsende Haus im Maßstab 1:1

Parallel dazu verlagerte sich der architektonische Diskurs im Begleitseminar „Garden Follies“ konsequent in den Garten. Studierende entwarfen und bauten kleine, mobile Infrastrukturen, die den Garten als eigenständigen architektonischen Handlungsraum adressieren. Die Follies kommen ohne Fundamente aus, bleiben rückbau- und rezyklierbar und greifen nur minimal in den Boden ein. Inspiriert von van de Veldes Entwurf für ein Stehpult, das bis zur Sanierung im Arbeitszimmer stand, schufen Anna-Lena Fiedler und Lena Schneider eine Sitzmöglichkeit mit Vogelhaus. Drei Bänke fördern Gespräche und eröffnen neue Blicke in den Garten.

Ein Blick in die Hülle

Im Seminar „Gebäudegewebe“ verschob sich der Blick schließlich auf die Gebäudehülle. In Kooperation mit der Professur Bauphysik experimentierten Studierende mit textilen Wandaufbauten und verstanden die Fassade als aktive, gestaltete Schicht zwischen Raum, Klima und Konstruktion. Ausgehend von Adolf Loos’ „Prinzip der Bekleidung“ und der textilen Bauhaus-Tradition polsterten, webten und drapierten sie Fassadenprototypen und entwickelten 1:1-Muster. So entstanden geflochtene Heizkreisläufe aus Kupferrohren, Dämmungen aus Brennnesselfasern oder Wärmevorhänge aus Naturfasern.

Expedition im Garten

Statt zu entwerfen sollte im Seminar „Expedition Hohe Pappeln“ bewusst beobachtet werden. Die Studierenden arbeiteten quasi „as found“ und kartierten Boden, Licht, Verwilderung sowie Kleinsthabitate und überführten ihre Erkenntnisse in einen Atlas. Dieser soll es möglich machen, Hohe Pappeln und seine Umwelt als offenen, ökologischen Kosmos zu lesen – in  unterschiedlichen Maßstäben und aus wechselnden Perspektiven.

Was Lehre leisten kann

Am Semesterende öffnete sich das Haus kurz vor der Sanierung als Ausstellungsfläche. In der leergeräumten Beletage planten die Bachelorstudierenden die Ausstellung, bauten die Architektur und präsentierten abschließend ihre Entwürfe. 

Gerade für Studierende zeigt der Kosmos Hohe Pappeln, welches Potenzial Lehre entfalten kann, wenn Zeit, Ort und Thema ernst genommen werden. Der reale Bestand erlaubt es, Fragen nicht nur aus einer Perspektive zu betrachten, sondern sie parallel zu entwerfen, zu analysieren, zu bauen und wieder zu hinterfragen. Genau darin liegt auch eine Qualität von Lehre: Architektur nicht als schnelle Antwort zu begreifen, sondern als offenen Prozess, an dem man sich positioniert und weiterarbeitet.