Sammeln, scannen, konstruieren: Das Studio EXFORMA
Im Gaststudio von PARABASE wird Zürich zum Materiallager: Studierende sammeln Bauteile und entwickeln daraus im Maßstab 1:1 neue Tragwerke.
Beim Entwurf steht oft die Idee am Anfang – im Studio EXFORMA begann alles mit einem Bauteil. Im Wintersemester 2025 leiteten Pablo Garrido Arnaiz und Carla Ferrando Costansa (PARABASE) das Gaststudio am Institut für Design und Architektur der ETH Zürich. Dort arbeiteten die Studierenden ausschließlich mit gefundenen Materialien. Sie durchstreiften Zürich, sammelten Metallprofile, Betonfertigteile und Verbindungselemente und brachten sie ins Atelier. Aus diesen Fundstücken entwickelten sie Schritt für Schritt konstruktive Fragmente, Tragwerke und schließlich architektonische Systeme. Der Ansatz des Studios: Erst suchen, dann bauen.
Ready-made, weitergebaut
Der Prozess begann analog und im Maßstab 1:1. Jede Gruppe nutzte mindestens drei gefundene Bauteile und entwickelte daraus ein konstruktives Fragment. Entweder ein Gelenk, einen Knoten oder einen Übergang zwischen Elementen, die ursprünglich nichts verband. Die Studierenden prüften, welche Kombinationen tragen, wo Verbindungen versagen, und in welcher Art sich unterschiedliche Materialien fügen lassen. Was zunächst wie Improvisation wirkte, folgte einer klaren Methode, die Konzepte aus der Kunst wie Ready-made, as-found oder objet trouvé in die Konstruktion übertrug. Dafür zerlegten die Studierenden die gefundenen Elemente und setzten sie in neue Zusammenhänge. Parallel dazu scannten sie jedes Fragment, klassifizierten die Elemente und bauten so einen digitalen Katalog auf, der ihre Eigenschaften vergleichbar machte.
KI als Kompositionswerkzeug
Auf Basis des Katalogs entwickelten die Studierenden erste Tragstrukturen. Dafür nutzten sie KI-Tools: Sie speisten ihre gescannten Bauteile in Algorithmen ein und generierten mögliche Kombinationen. Die KI lieferte dabei keine fertigen Lösungen, sondern unerwartete Vorschläge – oft dort, wo Geometrien nicht zusammenpassten oder Anschlüsse unklar blieben. Die Studierenden bauten anschließend ausgewählte Varianten im Maßstab 1:1 nach und passten sie an. Der Prozess gestaltete sich iterativ: digital kombinieren, analog testen, weiterentwickeln. Gleichzeitig erprobten sie mit Handwerker*innen Verbindungstechniken und prüften das Materialverhalten direkt am Bauteil in der Werkstatt.
Vom Fragment zum System
Aus den getesteten Fragmenten entwickelten die Studierenden ihre Tragstrukturen weiter. Sie übernahmen funktionierende Knoten und passten sie an unterschiedliche Situationen an. So entstanden aus einzelnen Verbindungen erste strukturierende Elemente, die sich zu größeren Tragwerkssystemen zusammenfügen ließen.
Doch woher könnten Bauteile für solche Tragwerke stammen? Mit dieser Frage vergrößerte sich auch der Maßstab der Projekte. Die Studierenden untersuchten konkrete Infrastrukturbereiche wie Landwirtschaft, Energie, Transport oder Bauwesen und analysierten, an welchen Stellen Bauteile anfallen, aussortiert oder ersetzt werden.
Diese Recherche bestimmte die nächsten Entwurfsentscheidungen. Je nach Materialquelle entwickelten die Gruppen Programm und Standort: Sie setzten ihre Projekte dort an, wo bestimmte Bauteile regelmäßig verfügbar sind und nutzten diese als konstruktive Grundlage. Anschließend berechneten sie CO₂-Bilanzen, verglichen Varianten und prüften, welche Konstruktionen Material sparen und Transportwege verkürzen.
Die Stadt als Materiallager
Zum Schluss brachten die Studierenden ihre Entwürfe zurück in den Stadtraum. Mithilfe von Augmented Reality projizierten sie ihre Tragwerke im Maßstab 1:1 an konkrete Orte – an Straßenräume, neben bestehende Infrastrukturen oder dorthin, wo ähnliche Bauteile zuvor gesammelt wurden. Erst hier zeigte sich, ob die Systeme funktionieren. Passen die Maße der Bauteile in die vorhandenen Zwischenräume? Lassen sich die Verbindungen an reale Kanten, Böden oder bestehende Konstruktionen anschließen? Einige Strukturen fügten sich überraschend präzise ein, andere kollidierten mit Höhen, Abständen oder vorhandenen Elementen. Gleichzeitig wurde sichtbar, woher die Teile kommen: Die projizierten Tragwerke bezogen sich auf konkrete Situationen – auf Orte, an denen das Material anfällt. Die Stadt lieferte somit die Bauteile und schuf auch die Bedingungen, unter denen sie wieder eingesetzt werden konnten.