Potsdamer Platte: Umbau zu resilienten Resonanzorten

Wie entwickelt man ein bestehendes Quartier so weiter, dass es eine integrative und nachhaltige Lebensumgebung für Menschen aller Altersgruppen und sozialer Hintergründe bietet? Dieser Frage widmeten sich Studierende des Mastermoduls „WEITER ZU BAUEN“.

Angesichts des Ziels, bis 2045/50 Klimaneutralität zu erreichen, wirkt es fast absurd, dass in Deutschland täglich etwa 60 Hektar Landschaft bebaut werden – das entspricht der Fläche eines Einfamilienhauses pro Minute. Die gängige Strategie, diesen Flächenverbrauch zu bremsen, setzt auf energetische Sanierungen, vor allem um den Energieverbrauch zu senken. Doch oft werden Gebäudehüllen und technische Anlagen ohne architektonischen Anspruch modernisiert. Statt solcher generischen Eingriffe könnten Anbauten, Aufstockungen und Umbauten nicht nur Flächen zurückgewinnen, sondern auch Defizite in Nutzungsmischung, Mobilität und Freizeitangeboten beheben – Probleme, die viele Siedlungen der Moderne belasten.

Ideologien der Moderne 

In Potsdam entstanden zwischen 1950 und 1970 zahlreiche Wohnungen in industrieller Plattenbauweise, darunter das ab 1971 errichtete Wohngebiet Zentrum Ost. Geplant als Bindeglied zwischen Babelberg und Potsdam, umfasst es mittlerweile rund 2.500 Wohneinheiten, die nach der Wende umfassend saniert wurden. Die Quartiere besitzen bis heute eine hohe landschaftliche Qualität, stehen jedoch durch den demografischen Wandel vor neuen Herausforderungen.

Hier setzte das Mastermodul „WEITER ZU BAUEN“ an der Berliner Hochschule für Technik unter der Leitung von Matthias Rudolf Haber an. Im Sommersemester 2024 entwickelten die Studierenden Konzepte, um das Quartier stärker auf verschiedene Generationen, soziale Hintergründe und Inklusion auszurichten. Sie planten flexible, adaptive und barrierefreie Wohnformen, die bestehende Gebäude ergänzen. Neben neuen Wohnkonzepten sollten gemeinschaftliche, kulturelle und versorgungsorientierte Funktionen integriert und zukunftsfähige Mobilitätslösungen entworfen werden. Der Erhalt des Baumbestands bildete dabei die Grundlage für ökologische und freiraumbezogene Maßnahmen.


Fassadengestaltung im Fokus

Das Projekt startete mit einer gründlichen Bestandsaufnahme: historische Recherchen, die Dokumentation von Veränderungen, präzise Bestandszeichnungen und ein detailliertes Umgebungsmodell. Auf dieser Basis untersuchten die Studierenden Potenziale wie Aufstockungen, Anbauten und Verdichtungen. Die handwerkliche Auseinandersetzung mit Material und Detail war ein zentraler Bestandteil des Kurses. In mehreren Workshops erprobten sie Putztechniken, Körnungen, Pigmentierungen und andere Bearbeitungsmethoden an Mustertafeln. Unter Berücksichtigung von Proportion und Relief floss das gesammelte Wissen in die weitere Fassadengestaltung einUm Atmosphären und Stimmungen zu visualisieren, analysierten sie Grundrisse und Raumfolgen und setzten diese mit Modellfotografien und digitalen Perspektiven in Szene. 


Maßstabswechsel als Werkzeug

Modelle bildeten das zentrale Medium, um die Ergebnisse zu bearbeiten und zu kommunizieren. Die Studierenden sollten bewusst zwischen verschiedenen Maßstäben springen – vom Detail bis zur Gesamtsicht und zurück. Dieser ständige Perspektivwechsel ermöglichte es, Theorie und Praxis im breiten Feld des „Bauens im Bestand“ zu verbinden und den Entwurfsprozess zu stärken.


Modellfall Potsdam 

Zentrum Ost ist kein Einzelfall. Das Modul zeigte, wie dringend der Abbau sozialer und baulicher Barrieren angesichts des gesellschaftlichen Wandels ist. Um darauf hinzuweisen, wurden resiliente Faktoren aus Vergangenheit und Zukunft analysiert und in einer Resilienz-Charta zusammengefasst. Das Quartier steht somit exemplarisch für ähnliche Plattenbau-Ensembles – nicht nur in Ostdeutschland, sondern im gesamten Bundesgebiet und Europa. Beabsichtigt ist demnach auch eine systematische Erfassung des seriellen Wohnungsbestands der 50er-70er Jahre, um fortlaufend mehrere „Herbarien“ zu erstellen, die die Möglichkeitsräume der Entwicklung untersuchen und ordnen.