Materialökologien mitdenken: Das Seminar "Material Matters"

Wie lassen sich Baustoffe jenseits technischer Kennwerte lesen? Studierende untersuchten Materialien als räumliche, ökologische und politische Gefüge – und machten verborgene Stoffströme durch analytische wie auch grafische Aufarbeitungen sichtbar.

Baustoffe sind aktive Akteur*innen globaler Krisen. Das wollte das Seminar „Material Matters – Materialökologien in der Architektur“ klar aufzeigen: Konzipiert und durchgeführt von Prof. Monique Jüttner, fand der Kurs an der School of Architecture der Hochschule Bremen (HSB) statt. Ziel war es, gemeinsam mit den Studierenden verborgene Materialströme des Bauens offenzulegen und deren ökologische, soziale und räumliche Auswirkungen zu analysieren. Die Teilnehmenden untersuchten, wo Baustoffe herkommen, welche Landschaften und Arbeitsverhältnisse sie prägen und welche Konsequenzen dies für Architektur und Planung hat. Anschließend präsentierten sie die Ergebnisse in einer öffentlichen Ausstellung. Gefördert wurde das Projekt vom Forschungscluster „Region im Wandel“ der HSB.

Materialströme sichtbar machen

Das Seminar basierte auf der Erkenntnis, dass Architektur im Anthropozän als akkumuliertes Naturmaterial verstanden werden muss. Häuser, Städte und Infrastrukturen sind Resultate globaler Extraktions-, Produktions- und Transportprozesse, deren ökologische Folgen oft räumlich und zeitlich entkoppelt bleiben. Um Materialökologien nicht isoliert, sondern als komplexe Netzwerke zu lesen, setzte das Seminar auf Methoden wie „follow the thing“ und Systems Thinking. Die Studierenden verfolgten Stoffströme von der Rohstoffgewinnung über industrielle Verarbeitung bis hin zu Nutzung, Rückbau und Recycling. Dabei betrachteten sie nicht nur technische Prozesse, sondern auch sozioökonomische Beziehungen, regulatorische Rahmenbedingungen, kulturelle Praktiken und Machtverhältnisse.

Ein zentraler Bestandteil des Seminars lag in der Konzeption einer Ausstellung, die diese vielschichtigen Zusammenhänge verständlich machen sollte. In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Künste Bremen entstanden großformatige Mappings und Infografiken, die analytische Inhalte gestalterisch übersetzten. Redaktion, Ausstellungsgestaltung und Grafik wurden interdisziplinär begleitet; die grafische Aufbereitung galt als eigenständige architektonische Praxis. 

Vom Beton bis zum Flachglas

Die Arbeiten widmeten sich exemplarisch unterschiedlichen Baustoffen und ihren spezifischen Materialökologien. Mehrere Analysen untersuchten etwa die globale Zement- und Betonproduktion, deren energieintensive Herstellungsprozesse maßgeblich zu den weltweiten CO₂-Emissionen beitragen. Diagramme, Prozessketten und Projektionen machten sichtbar, an welchen Stellen Reduktionspotenziale liegen – von alternativen Bindemitteln über effizientere Konstruktionen bis hin zur Wiederverwendung von Beton im Kreislauf.

Ein weiterer Fokus lag beispielsweise auf Flachglas. In detaillierten Materialkartografien wurden Rohstoffvorkommen, Produktionsstandorte, Energieverbräuche und Recyclingquoten zusammengeführt. Die Arbeiten zeigten, dass Flachglas trotz hoher Recyclingpotenziale überwiegend downgecycelt wird und echte Kreislaufwirtschaft an Sortierprozessen, Qualitätsanforderungen und logistischer Komplexität scheitert. Durch die präzise grafische Darstellung wurden abstrakte Zahlen und globale Zusammenhänge räumlich erfahrbar gemacht.

Mit ihren Entwürfen, Plakaten und Analysen entwickelten die Studierenden keine einfachen Lösungen, sondern schärften den Blick für die Materialdimension architektonischer Entscheidungen. Das Seminar „Material Matters“ versteht Materialökologien damit nicht als Randthema, sondern als zentrales Entwurfs- und Denkfeld – und als Voraussetzung für eine Architektur, die Verantwortung über den eigenen Maßstab hinaus übernimmt.