Machikoba, neu kartiert: Die Ausstellung „Tokyo Labourscapes“

„Tokyo Labourscapes“ nutzt Tokioter Kleinbetriebe als Forschungsplattform – und untersucht, wie sich urbanes Produzieren zwischen Arbeit, Alltag und Stadt neu organisiert. Luisa Knödler aus der CAMPUS Redaktion war drei Tage lang dabei.

Maschinengeräusche aus dem Erdgeschoss. Eine Drehbank läuft, darüber Wohnungen. Nebenan eine Schweißwerkstatt hinter einer Schiebetür. In Tokioter Quartieren wie Sumida oder Ōta ist Produktion noch Teil des Alltags. Doch die Moderne hat die Stadt zersplittert – auch in Japan. Diese Trennung von Disziplinen und Funktionen brachte Fortschritt, aber auch Verluste. Wie sich diese Trennung überwinden lässt, zeigte die Ausstellung „Tokyo Labourscapes“, die vom 28. bis 30. November 2025 in Tokio stattfand. Für drei Tage verwandelte sich der offene Raum in eine temporäre Machi-koba – eine urbane Werkstatt, die neue Formen des Zusammenlebens und -arbeitens erforschte. 

Initiiert wurde das internationale Projekt von Prof. Keigo Kobayashi (Waseda University) und Prof. Christian Dimmer (Waseda University), Prof. Vincent Mirza (University of Ottawa), Prof. David Slater (Sophia University) und Prof. Akio Yasumori (Institute of Science Tokyo). Die Ausstellung, ergänzt durch Vorträge, Performances und Diskussionsrunden, ist Teil eines Netzwerks, das sich über Jahre hinweg aus gemeinsamen Forschungen zum Thema „Machi-koba“ entwickelte. 

Was ist Machi-koba?

Machi-koba  zusammengesetzt aus den japanischen Begriffen „machi“ (Stadtviertel) und „koba“ (Fabrik)  bezeichnet kleine, oft familiengeführte Produktionsstätten, die tief in die Wohnquartiere japanischer Städte eingebettet sind. Was in Europa längst aus den Städten verschwunden ist, hat sich in Tokioter Bezirken wie Sumida oder Ōta bis heute erhalten. Doch auch hier schrumpft ihre Zahl: Umweltauflagen, Globalisierung und ökonomische Umbrüche setzen diese Strukturen seit den 1970er-Jahren unter Druck. Gleichzeitig entstehen neue Formate wie „Open Factories“, die Produktion wieder sichtbar machen und ihr eine öffentliche Dimension verleihen. Darin liegt auch das Potenzial von Machi-koba: Ihre kleinteiligen Strukturen, ihre Einbettung in soziale Netzwerke und ihre Anpassungsfähigkeit machen sie zu möglichen Modellen für eine resilientere Stadt – und das nicht nur in Japan.

Zwölf Kapitel, eine Assemblage

Die Ausstellung gliederte sich in zwölf thematische Sektionen, kuratiert von verschiedenen Teams. Sie untersuchte Machi-koba aus unterschiedlichen Perspektiven – von Handwerk und Produktion bis zu sozialen Netzwerken und Alltagspraktiken. Dabei zeigte sie, was im universitären Alltag oft fehlt: eine ernsthafte, kontinuierliche Übersetzung zwischen den Disziplinen.

Struktur, Geschichte, Transformation

Vier Sektionen bildeten den analytischen Kern der Ausstellung und lieferten eine aktuelle Bestandsaufnahme der Tokioter Kleinbetriebe. Dafür näherte sich „Machikoba is Production“ dem Thema über Karten, Fabrikzählungen und Flächennutzung von 1919 bis heute, ergänzt durch Maschinenmodelle im Originalmaßstab. „Machikoba is History“ entwickelte daraus eine kommentierte Zeitlinie – von den Heimgewerben des 19. Jahrhunderts über die Nachkriegsverdichtung bis zu den Umbrüchen der 1990er-Jahre und den aktuellen Open-Factory-Formaten. Den Blick in die Gegenwart übernahm Prof. Yasumori mit „Machikoba is Network“: Fünf Jahre Feldforschung in Sumida Ward, gegliedert nach Bauepochen und Branchenclustern, machten die lebendige Vielschichtigkeit des Quartiers lesbar.

Handwerk, Gemeinschaft, Erinnerung

Neben der analytischen Ebene fragte die Ausstellung, was Machi-koba für die Menschen bedeutet, die dort leben und arbeiten. Der Teil „Machikoba is Craftsmanship“ näherte sich dieser Frage über eine orale Ethnografie: Studierende besuchten Werkstätten, protokollierten Alltagspraktiken und zeigten, wie eng Identität und Arbeit miteinander verknüpft sind. „Machikoba is Nostalgia“ ergänzte diese Perspektive mit Fotografien aus den 1950er- bis 1980er-Jahren – Bilder einer dichten, produktiven Alltagswelt, die heute vielerorts verschwunden ist. Was in diesen Dokumenten als Geschichte erscheint, wurde in „Machikoba is Community“ wieder in die Gegenwart geholt: Produktionsreste dienten als Material für eigene Experimente und förderten ein Denken durch das Machen. Prof. Nishimura (Kanda University) erweiterte mit „Machikoba is Warmth“ die Ausstellung um eine filmische Dimension – eine Videoreihe, die verschiedene Handwerke im Vollzug zeigte.

Fragil und widerstandsfähig zugleich

Machi-koba erschienen zugleich als gefährdet und als anpassungsfähig: Prof. Mirza analysierte in „Machikoba is Fragile“ die Lebensfähigkeit kleinteiliger Produktionsquartiere im Kontext globaler urbaner Dynamiken. „Machikoba is Resilience“ des Kobayashi Lab antwortete darauf mit 20 Beispielen aus ganz Japan, kategorisiert nach den Feldern Common, Solidarity, Economy und Ecology. Farblich codierte Grundrisse – öffentliche Bereiche in Grün, Produktionsflächen in Blau – machten sichtbar, wie Machi-koba neue Formen von Öffentlichkeit im Stadtraum erzeugen können: mit kürzeren Wegen, direktem Austausch und gemischten Nutzungen. 

Machikoba is ___?

Am Ende verschob die Ausstellung die Perspektive: Sie lieferte keine Antworten, sondern forderte Positionen ein. Was ist Machi-koba heute?

Ein partizipativer Ansatz zog sich durch die letzten Teile: In „Machikoba is Feeling“ ergänzten Besucher*innen den offenen Satz „Machikoba is ___“. „Machikoba is Character“ stellte dem unterschiedliche Profile gegenüber: Stadtteile wie Sumida und Ōta erschienen als gegensätzliche Produktionslandschaften – vernetzte Strukturen hier, eher unabhängige Betriebe dort. So entstand ein kollektives Bild, das Machi-koba nicht festlegte, sondern als offenes Bedeutungsfeld sichtbar machte.

Stadt als Werkstatt

Die beteiligten Universitäten arbeiten bereits an einer Weiterführung. Ziel ist die Einrichtung eines realen Machi-koba-Raums in Tokio – als gemeinsames Projektlabor. Die Ausstellung im Shibaura House markiert damit den Versuch, die Stadt wieder als Werkstatt zu denken. Dabei lässt sich für europäische Städte eine Lehre ziehen: Produktion kann, statt nur ausgelagert zu werden, vielmehr wieder als integraler Teil des urbanen Alltags begriffen werden.