In Verteilerzentren und Treibhäusern: Das Research-by-Design Project EXTERIORLESS

Was geschieht, wenn die meist übersehenen Architekturen globaler Lieferketten zum Gegenstand architektonischer Gestaltung werden? Studierende untersuchten Logistikbauten und entwickelten sie zu öffentlichen Infrastrukturen weiter.

Warenströme und Versorgungssysteme prägen Städte und Landschaften oft stärker als öffentliche Bauten. Vor diesem Hintergrund konzipierte und leitete Prof. Stefano Corbo im Frühjahrsemester 2025 an der Technischen Universität Delft das Studio „EXTERIORLESS. The Design of the ordinary“. In acht Wochen analysierten 24 Studierende die Lieferketten alltäglicher Güter wie Lebensmittel, Blumen, Mode oder Plastikprodukte in den Niederlanden. Ziel war es, die räumlichen Nebenprodukte dieser Systeme – Lagerhallen, Verteilzentren, Gewächshäuser – zu verstehen und durch architektonische Eingriffe in neue, kollektiv nutzbare Strukturen zu transformieren. Die Ergebnisse wurden im November 2025 in einer Ausstellung an der Architekturfakultät präsentiert.

Lieferketten als urbane Realität

Die dominanten Bauten von Produktions-, Distributions- und Logistikinfrastrukturen liegen meist an Verkehrskorridoren, fern der urbanen Zentren. Man erkennt sie leicht anhand der generischen Grundrisse, hermetischen Fassaden und des enormen Flächenverbrauchs. Trotz ihrer Bedeutung für das tägliche Stadtleben bleiben sie architektonisch marginalisiert. Gleichzeitig bringen diese Infrastrukturen massive ökologische, soziale und räumliche Folgen mit sich – von CO₂-Emissionen über Ressourcenverbrauch bis zur Entfremdung menschlicher Arbeit in automatisierten Umgebungen. Genau hier setzt EXTERIORLESS an: Die Niederlande bieten als globaler Knotenpunkt für Warenströme, Blumenexporte, Lebensmittelverteilung und Recycling ideale Bedingungen für die Untersuchung. 

Methode und Prozess: Research by Design

Das Studio folgte einem forschungsbasierten Entwurfsansatz. Ausgangspunkt bildete die detaillierte Analyse konkreter Lieferketten – ihrer Akteur*innen, Wege, Technologien und Typologien. Diese analytische Ebene wurde systematisch mit architektonischen Transformationen verknüpft. Die Studierenden untersuchten, wie sich die strikte Trennung zwischen Stadt und Produktionslandschaft auflösen lässt, wie logistische Großstrukturen programmatisch geöffnet werden können und welche räumlichen Strategien zur Reduktion ökologischer Belastungen beitragen. Entwerfen diente dabei als kritisches Werkzeug: logistische Architektur nicht als neutrale Hülle betrachten, sondern als aktive Akteurin innerhalb globaler Netzwerke. 

Die Ausstellung griff diesen Ansatz erneut auf, indem sie mit Alltagsobjekten und einer aus Versandboxen entwickelten Szenografie die räumlichen und materiellen Folgen der „letzten Meile“ sichtbar machte.

Vom Logistikbau zum kollektiven Raum

Die entstandenen Projekte übersetzen Lieferketten in räumliche Narrative. „Peeling Logistic Landscapes“ etwa untersucht die Bananenindustrie am Rotterdam Fruit Wharf: Eine hölzerne Gerüststruktur und in die Fassade integrierte „Pockets“ machen die Banane von Reifung bis Abfall räumlich erfahrbar und verwandeln ein abgeschottetes Lager in eine öffentlich zugängliche Lern- und Begegnungslandschaft. „OPEN KAS“ thematisiert die Logistik der Phalaenopsis-Orchidee – einer Ikone niederländischer Florikultur mit kolonialen Wurzeln und hohem Energiebedarf. Ein hybrides Ensemble aus Tageslichtgewächshaus und öffentlich zugänglichem Experience-Center macht ökologische, technologische und historische Dimensionen des Blumenexports räumlich lesbar. 

Das Projekt „Tomato, the Go-Getter“ greift die serielle Architektur der Venlo-Gewächshäuser auf und transformiert sie in ein hybrides Kultur- und Bildungszentrum. Die hochoptimierte Logik der Gewächshausarchitektur bleibt erhalten, wird jedoch programmatisch geöffnet und reversibel gedacht. Andere Arbeiten, wie „Unboxed: Rethinking Consumption and Space“, richten den Blick auf die scheinbar banale Kartonverpackung als stillen Akteur globaler Logistik und entwickeln Distributionszentren zu durchlässigen Lern- und Stadträumen, in denen Konsum, Abfall und Produktion sichtbar werden. 

Gemeinsam ist allen Entwürfen der Versuch, das Gewöhnliche nicht zu überformen, sondern seine inhärenten räumlichen Potenziale freizulegen – und Logistikarchitektur als Teil einer zukünftigen, inklusiveren und verantwortungsvolleren Stadt zu begreifen.