Debatte über studentische Wettbewerbskultur: Der JOANES-Preis 2024/25
Die JOANES-Stiftung lobte 2024 einen Studierendenwettbewerb für genossenschaftlichen Wohnungsbau aus. Aus den Universitäten mehrten sich dazu kritische Stimmen. BauNetz CAMPUS ging der Diskussion nach.
Zum Wintersemester 2024/25 rief die Berliner JOANES Stiftung Architekturstudierende auf, Ideen für einen prototypischen genossenschaftlichen Wohnungsbau zu entwickeln. Die private, gemeinnützige Stiftung suchte innovative Wohnkonzepte und wandte sich mit der Ausschreibung an Hochschulen. Den Gewinner*innen des dreistufigen JOANES-Preises 2024/25 –Wettbewerb, Werkstattverfahren und mögliche Realisierung – winken insgesamt 7000 Euro Preisgeld und die Chance, ihre Nachverdichtungsvision umzusetzen. Selbst wenn dies nach einer attraktiven Möglichkeit klingt, gab es auch kritische Stimmen aus den Reihen der Lehrenden und Studierenden. Es entstand eine Debatte, die über den Wettbewerb hinausging. Was steckt dahinter?
Kontext des Wettbewerbs
Der Wohnungsprototyp soll in Zusammenarbeit mit der ältesten Berliner Baugenossenschaft (bbg) und weiteren Fachleuten auf einem noch nicht definierten innerstädtischen Grundstück einer großen Supermarktkette entstehen. „Die Studierenden dürfen alles machen – solange es funktioniert!“, betonte die bbg. Die Stiftung sprach von einem experimentellen und beispiellosen Verfahren. Der Preis versuchte offensichtlich den Spagat zwischen konzeptioneller Auseinandersetzung mit neuen Wohnformen und dem Versprechen einer möglichen Realisierung.
Offener Brief aus Aachen – Das umstrittene Verhältnis von Privatwirtschaft, Gemeinnützigkeit und akademischer Welt
Im September 2024 forderte Prof. Florian Fischer-Almannai, RWTH Aachen, die akademische Community in einem offenen Brief auf, sich vom JOANES-Preis zu distanzieren. Er kritisierte die Verbindung der Stiftung zur Berliner ZIEGERT Group, deren Inhaber Nikolaus Ziegert zugleich Gründer der JOANES Stiftung ist. Fischer-Almannai warf Ziegert vor, in Personalunion zwei Extreme zu vertreten: den „auf Hyperrendite getrimmten“ Immobilienmarkt und den gemeinwohlorientierten genossenschaftlichen Wohnungsbau. Er könne nur eines davon glaubwürdig vertreten.
Fischer-Almannai regte eine offene Debatte an, um den Zusammenhang zwischen studentischem Wettbewerb und gewinnorientierten Unternehmenszielen zu hinterfragen. Ferner warnte er vor der Gefahr, dass sich die Stiftung akademisches und kooperatives Know-how aneigne und „social washing“ betreibe. Rundumschlag oder differenzierte Kritik? Jedenfalls setzte sich seine Kritik an mehreren Universitäten fort.
Unterschiedliche Positionen
Trotz individueller Teilnahme und gewahrter Urheber*innenschaft boten Lehrstühle etwa an der TU Berlin, der Bauhaus-Universität Weimar, dem KIT und der TU Dresden an, die Wettbewerbsaufgabe als Entwurfsprojekt mitzubetreuen. Insbesondere an der TU Berlin zeigte sich die Vielschichtigkeit der Debatte. Während das Fachgebiet „Making Matters“ von Prof. Anupama Kundoo den Preis in eine inhaltliche Auseinandersetzung über das Wettbewerbswesen in das Semester integrierte, führten die Fachgebiete „CODE“ von Prof. Ralf Pasel und „Entwerfen und Gebäudekunde“ von Prof. Jacob van Rijs das Projekt weiter.
In der Folge kam es zu einer kritischen Diskussion, die Meinungen gingen auseinander: Einige Studierende teilten die Kritik, andere sahen in dem Wettbewerb eine Chance, ihre Ideen zu entwickeln und umzusetzen – ein mögliches Sprungbrett in die Selbstständigkeit. Wissenschaftliche Mitarbeitende der genannten Fachgebiete – Marius Busch, Maximilian Hartinger, Li Lin, Tobias Rabold und Bene Wahlbrink – wandten sich in einer Stellungnahme an die JOANES Stiftung. Sie forderten, Wettbewerbe kritisch zu hinterfragen und, gerade im akademischen Kontext, als Diskursraum zu begreifen. Die Rahmenbedingungen eines Wettbewerbs seien ebenso lehrreich wie die Entwurfsaufgabe selbst. Ihr Appell richtete sich nicht nur an die JOANES Stiftung, sondern an die gesamte akademische Welt. Auf die kritischen Rückfragen habe die Stiftung aber zu spät und wenig differenziert reagiert – so die Lehrenden –, was Studierende teilweise verunsicherte.
Dialog
Die Debatte um den JOANES-Preis 2024/25 verdeutlicht grundlegende Spannungen zwischen akademischer Freiheit, wirtschaftlichen Interessen und ethischen Fragen in der Architektur. Welchen Stellenwert kann ein moralischer Kompass für Entscheidungen in der Architekturproduktion haben und wessen Aufgabe ist es, diesen auszubilden? Liegt die Verantwortung beim Individuum oder bei den Institutionen? Fragen, auf die es derzeit keine einheitlichen Antworten gibt – umso wichtiger ist eine respektvolle Kommunikation bei Unklarheiten, in der unterschiedliche Positionen und Interessen ihren Platz finden.
Im Dialog mit BauNetz CAMPUS zeigte sich der Vorstand der JOANES Stiftung, Sebastian Bührig stets gesprächsbereit. Er betonte, dass die Stiftung unabhängig von der ZIEGERT Group agiere und die Ergebnisse mit anderen Partnern umsetzen wolle. Nach dem Einsendeschluss am 31. März 2025 werden die Ergebnisse der ersten Entwurfsphase voraussichtlich im Mai 2025 bekannt gegeben.