Das Abriss-Moratorium: Eine klare Aufforderung für die Bauwende

Für diese längst überfällige Neudefinierung der Prioritäten im Bau gilt es, anstehende Abrissverfahren sofort zu pausieren und die Voraussetzungen für zukünftige Abrisse zu formulieren. Ein Beitrag von Frida Kopka, Mitglied des Vereins „Architects for Future“.

Hochschulübergreifend

Frida Kopka | 10.10.2022

Das am 19. September 2022 in Form eines offenen Briefes an die deutsche Bundesbauministerin Klara Geywitz veröffentlichte Abriss-Moratorium stieß auf große Resonanz bei den Vertreter*innen der Architekturbranche. Zahlreiche Architekturschaffende, Akademiker*innen und Institutionen unterstützten die klare und präzise Aufforderung, die bestehende Abrisskultur radikal zu überdenken. Für diese längst überfällige Neudefinierung der Prioritäten im Bau gilt es, anstehende Abrissverfahren sofort zu pausieren und die Voraussetzungen für zukünftige Abrisse zu formulieren. Initiiert wurde das Moratorium von DrphilAlexander Stumm. Folgenden Beitrag hat Frida Kopka, Mitglied des Vereins „Architects for Future“ für baunetz CAMPUS geschrieben.

Es wird gebaut, obwohl es Leerstand gibt. Es wird abgerissen, obwohl Bestand nutzbar wäre. Wie kann das sein, wo wir uns doch verpflichtet haben, die Klimaschutzziele einzuhalten? Bis 2030 sollen die Emissionen gegenüber 1990 um 65 Prozent sinken, bis 2045 müssen wir Treibhausgasneutralität erreichen. Doch zum zweiten Mal hält Deutschland seine Ziele nicht ein. 

Wir als „Architects for Future“ stehen solidarisch zur „Fridays-for-Future-Bewegung“. Wir stehen für das Einhalten der 1,5°-Grenze, was nur möglich ist, wenn unser gesamter Gebäudebestand bis 2035 klimaneutral wird. Das bedeutet, dass es massive Änderungen in der Baupraxis braucht! Deswegen fordern wir zusammen mit anderen Verbänden, Organisationen sowie 170 Einzelpersonen aus der Baubranche, der Wissenschaft und der Lehre in einem offenen Brief an die deutsche Bundesbauministerin Klara Geywitz ein Abriss-Moratorium

Wir fordern: Statt Abriss und Neubau sollen Erhalt, Sanierung, Umbau und Weiterbauen im Bestand gefördert werden. Jeder Abriss bedarf einer Genehmigung unter der Maßgabe des Gemeinwohls, also der Prüfung der sozialen und ökologischen Umweltwirkungen.

Verschwenderische Mentalität

Die Dringlichkeit lässt sich mit Zahlen untermauern: In Deutschland entstehen jedes Jahr 230 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle, die 55 Prozent des gesamten deutschen Abfallaufkommens ausmachen. Hinzu kommt, dass die Baubranche nicht nur für circa 40 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist, sondern ebenfalls für die umfänglichsten Güterbewegungen und den größten Ressourcenverbrauch. Auch diese Einflüsse können wir durch eine konsequente Bestandsnutzung reduzieren. Nicht der Erhalt von Gebäuden sollte erklärungsbedürftig sein, sondern ihr Abriss. 

Aktivierung von Leerstand und Bestand

2,8 Prozent der Wohnungen in Deutschland stehen leer. Zu einzelnen Wohnungen reihen sich ganze Wohnhäuser. Hinzu kommen Büroräume, Einzelhandelsflächen, Fabriken, Kasernen, Kirchen – die Liste ist lang. Die Aktivierung leerstehender und versiegelter Flächen zur Schaffung von Wohnraum würde eine klimagerechte Antwort auf die Wohnungsfrage bieten. Deswegen sind Erhalt, Sanierung, energetische Verbesserung, aber auch Aufstockungen, Erweiterungen und die Anpassung an zukünftige Nutzungsanforderungen die baulichen Aufgaben unserer Zeit und ein wirksames Mittel gegen die Energie- und Klimakrise.

Verantwortung der Politik

Es ist an der Zeit, dass die Politik Verantwortung übernimmt, um die Baubranche klimagerecht umzugestalten. Es braucht klare Gesetze und Anreize, die fordern und fördern! Denn allein durch Freiwilligkeit und Idealismus werden wir auch in den nächsten Jahren die Klimaziele nicht einhalten können. Um die Ziele zu erreichen, muss die Politik klare regulatorische Rahmenbedingungen mit Vorgaben zur Betrachtung des gesamten Lebenszyklus und Förderung von Re-Use-Konzepten schaffen. Die Politik muss den Umgang mit dem Bestand zu gängiger Praxis und ökonomisch attraktiver gestalten, etwa mittels einer „MusterUMbauordnung“, wie wir von „Architects for Future“ sie einfordern. Das Abriss-Moratorium ist ein entscheidender Bestandteil im komplexen Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen für die Bauwende. Neben der „MusterUMbauordnung“ – einer konkreten politischen Maßnahme – gehören auch Absichtserklärungen wie die „Charta von Rom“ von „Bauhaus Erde“ und das „Haus der Erde“ des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) zu diesen Maßnahmen.

Ein klimafreundlicher, zirkulärer und sozialer Bausektor, der zu einer lebenswerten Zukunft beiträgt und Mehrwerte für unsere Gesellschaft schafft – heute und für die folgenden Generationen – sollte unser Ziel sein. Deshalb ist es wichtig, dass auch an den Hochschulen und Universitäten klima- und sozialverträgliches Bauen gelehrt wird. Die Nachfrage ist hoch! Recherchen einer Netzwerk-Umfrage von „Architects for Future“ haben ergeben, dass Auszubildende und Studierende sich gern viel intensiver mit den Themenfeldern Kreislauffähiges Bauen, Bauen im Bestand, nachhaltiges Konstruieren sowie ökologische Bauweisen, während ihrer Ausbildung, beschäftigen würden.