Aus der Ecke denken: Raumentwürfe aus Möbeln
Wie viel Architektur steckt in einer Ecke? Innenarchitekturstudierende entwarfen 2 × 2 × 3 Meter große Raumausschnitte – inspiriert von Möbeln zwischen Rietveld und Rams.
Klein anfangen, groß raus kommen: Am Lehrstuhl für Entwurf und Raum (ERa) unter der Leitung von Prof. Jan Meier und Prof. Lena Unger entwarfen Studierende eine Ecke. Den Ausgangspunkt bildete jeweils ein Möbel. Statt großer Gesten ging es um präzise Entscheidungen im Kleinen – und um die Übersetzung eines Objekts in Raum. Aus unscheinbaren Details wurden so architektonische Denkansätze. Mit analogen Modellen, Knetmasse und Pappe statt Renderings rückte das Detail dabei ins Zentrum.
Am Anfang war das Möbel
Als Inspiration erhielt jede*r Studierende ein exemplarisches Möbelstück – von Paul Wunderlich, Carlo Mollino, Bořek Šípek oder Walter Pichler. Diese Referenzen boten Hinweise für Proportion, Fügung, Relief oder Materialeigenschaften. Sie galten jedoch nicht als starre Vorlage, sondern sollten vielmehr Ausgangspunkte für Interpretation, Verfremdung und Neuinterpretation sein. Funktionale Objekte dienten den Teilnehmenden als Sprungbrett für den Entwurf einer Raumecke von 2 × 2 × 3 Metern.
Details im Fokus
Die Möbel deckten ein breites Spektrum ab: strenge Geometrien beim Rietveld-Tisch mit klaren Linien oder kurvige Formen beim bunt-verspielten Sideboard von Nanda Vigo mit farbigen Oberflächen. Manche zeigten sichtbare Verbindungen und Schrauben, andere geschlossene Kanten oder gespachtelte Übergänge. Diese Vielfalt ermöglichte es den Studierenden, spezifisch auf Details wie Stöße, Schattenfugen oder Materialwechsel zu reagieren – etwa eine Kante zu betonen oder zu verschleifen, eine Reliefstruktur herauszuarbeiten oder eine Oberfläche bewusst zu texturieren.
Hand statt Maus
Auch die Arbeitsweise richtete den Blick auf Details: Entworfen wurde fast ausschließlich handwerklich-analog. Studien aus Pappe, Wachs oder Knetmasse schärften den Sinn für Materialstärken und Fügungen. Schritt für Schritt entstanden Präsentationsmodelle im Maßstab 1:10. Ergänzt um Grundrisse und Schnitte, bestand die Abgabe vor allem aus fotografischen Inszenierungen der Modelle.
In der Ecke liegt die Kraft
Entstanden sind fast filmreife Bilder von Ecken, die einladen, sie zu betreten. Manche Studierende machten die Perforation eines Stuhlbeins zur Dekoration einer Treppenstufe, andere übersetzten Schubladen in Säulen oder organische Rückenlehnen in Fensterformate. Durch die Vergrößerung kleiner Details entstanden neue Momente im Maßstab der Architektur: Etwa eine Türklinke, die auf der Grundlage winziger Fügungen raumgestaltend großgezogen wurde.
Die Entwurfsübung zeigt vieles: Es lohnt sich, Zeit in die Ecke zu investieren. Es kann produktiv sein, den Prozess umzukrempeln und im Kleinen zu beginnen. Und sie verdeutlicht: Architektur darf Spaß machen – und am Ende ist alles auch Design.