Architektur hören: Die „Spatial Sonic Practice“

Emma-Kate Matthews untersucht in ihrer Forschung, wie Klang Räume formt – und entwickelt neue Methoden, um Architektur hörbar zu machen.

Wir richten unseren Blick oft auf das Sichtbare: Dinge, die wir fotografieren, zeichnen oder messen können. Dabei übersehen wir, was weniger greifbar, aber ebenso wichtig ist: Klang. Architektur gestaltet immer auch eine akustische Umgebung – Oberflächen reflektieren Schall, Materialien dämpfen oder verstärken Frequenzen, Raumvolumen erzeugen Nachhall. An dieser Schnittstelle arbeitet Emma-Kate Matthews. Die Architektin, Komponistin und digitale Künstlerin forscht an der Bartlett School of Architecture in London zu den Wechselwirkungen von Klang und Raum. Ihr selbst definiertes Arbeitsfeld: „Spatial and Sonic Practice“. In dieser Forschung überträgt Matthews architektonische Entwurfsstrategien auf musikalische Strukturen – und fragt umgekehrt, wie Musik räumliche Konstruktionen beeinflusst. So erschließt sie Räume, die sich sonst dem Auge entziehen.

CAD als Klangwerkzeug

Für ihre Projekte greift Matthews auf Werkzeuge aus Architektur und Ingenieurwesen zurück. Mit Software wie Autodesk Fusion oder Rhinoceros 3D entstehen Modelle, die Resonanzeigenschaften – Nachhall, Dämpfung, Frequenzverhalten – gezielt steuern. Dabei folgt sie dem Prinzip „Thinking through Making“: Ihre Modelle sind nicht nur Darstellungen, sondern auch Forschungsinstrumente, die sie ständig weiterentwickelt.

Resonant Bodies

Ein zentrales Projekt von Matthews ist Resonant Bodies – eine Serie klangerzeugender Objekte zwischen Musikinstrument, Skulptur und architektonischem Modell. Matthews entwickelt die Formen mit digitalen Entwurfswerkzeugen und fertigt sie aus Materialien wie Bronze, Messing oder lasergesintertem Stahl. Die Objekte reagieren oft unerwartet: Schon kleine Änderungen in Form oder Herstellung erzeugen neue harmonische Strukturen. Diese Unvorhersehbarkeit gehört bewusst zur Methode – die Klangkörper „antworten“ auf den Entwurf und machen Material, Form und Resonanz hörbar.

Wenn Gebäude zu Instrumenten werden

Wie eng Architektur und Klang zusammenarbeiten können, zeigt ein weiteres Projekt von 2019 in der Sagrada Família. Matthews verteilte Musikerinnen und Musiker im gesamten Kirchenraum und nutzte den extremen Nachhall der Basilika als Teil der Komposition. Die Klänge bewegten sich zeitversetzt durch das Volumen, überlagerten sich und machten die Größe und Struktur des Gebäudes hörbar. Gleichzeitig griff das Projekt eine historische Idee von Antoni Gaudí auf. Der Architekt plante ursprünglich, lange, röhrenförmige Glocken in den Türmen der Basilika zu installieren. Diese sollten ihren Klang in den zentralen Kirchenraum und über ganz Barcelona tragen. Zwar können die Glocken nicht wie von Gaudí vorgesehen geläutet werden, doch Matthews ließ Musiker den Raum aktivieren und so die Idee des Gebäudes als Instrument neu interpretieren. 

Zwischen Hören und Bauen

Mit dem 2024 erschienenen Sammelband „The Routledge Companion to the Sound of Space“ erweiterte Matthews ihre Forschung auf eine theoretische Ebene. Gemeinsam mit Prof. Jane Burry (Adelaide University) und Prof. Mark Burry (Swinburne University) versammelte sie Texte aus Architektur, Musik, Philosophie, Ingenieurwissenschaft und Kulturtheorie. Diese Beiträge zeigen, wie Klang und Raum in unterschiedlichsten Maßstäben und Kontexten zusammenwirken – von monumentalen Gebäuden über intime Innenräume bis hin zu natürlichen Landschaften. Außerdem diskutierten die Autor*innen, wie akustische Stille als Entwurfsprinzip wirken kann, welche Rolle fluide Architekturen für das Hören von Räumen spielen, und wie Architektur selbst in musikalische Kompositionen und Aufführungen eingebunden werden kann.

Matthews' Arbeit zeigt: Wer Architektur auch hört, entwirft sie anders. Klang formt Atmosphäre, bestimmt Wahrnehmung und verändert, wie Räume erlebt werden. Es lohnt sich, beim nächsten Entwurf auch mal genauer hinzuhören.