Boden als Archiv: Stella Flatten über Graben als Forschungsmethode

Stella Flatten verbindet künstlerische Forschung mit Architekturlehre. Im Gespräch erzählt sie, wie sich die Geschichte eines Ortes jenseits schriftlicher Quellen erschließen lässt, und warum wir genauer auf den Bestand schauen sollten.

Du erforschst Graben als Methode. Wie lassen sich dadurch Architektur und Räume verstehen? Welcher Erkenntnisgewinn ergibt sich, der durch klassische Methoden vielleicht verborgen bleibt?

SF: In meiner Promotion an der Universität der Künste Berlin (Prof. Susanne Hauser) untersuche ich Graben als künstlerisch-forschende Methode. Ausgangspunkt ist eine sehr alltägliche körperliche Handlung: Boden wird geöffnet, Material bewegt, eine Oberfläche verändert. Das produziert Wissen. Und zwar Wissen, das nicht nur über Sprache oder Theorie entsteht, sondern über Körper, Widerstand, Materialität. Damit stehe ich in einer Tradition, die Wissen selbst als materiell begreift, nicht als reinen Text – eine „wilde“ Archäologie jenseits der klassischen Disziplin, die auch Kunst, Medien und Raum als Orte des Wissens ernst nimmt.

Mir geht es dabei nicht um zielgerichtetes Suchen. Mich interessiert das offene, atelische Graben: eine Handlung ohne feststehendes Ergebnis in einem noch ungelesenen Archiv. Genau darin liegt die Stärke, Zusammenhänge und Leerstellen sichtbar zu machen, nach denen man gar nicht gesucht hat. Graben ist für mich weniger Technik als Befragung eines Ortes: nicht nur nach seiner Vergangenheit, sondern nach Gegenwart und möglicher Zukunft. Gerade bei belasteten Orten zeigt sich, dass Schriftquellen oft genau dort lückenhaft werden, wo es unbequem wird. So etwa bei der partizipativen Grabung am Gropius Bau im Rahmen der Radical Playgrounds (2024): Dort wurden Fragmente und Scherben der deutschen Kolonialgeschichte von Besucher*innen freigelegt, die sich in den zu einem Parkplatz verfüllten Kellergewölben des ehemaligen Völkerkundemuseums befanden.

Du beschreibst den Boden als Archiv. Wie vermittelst du Studierenden, dass Orte auch Geschichte und gesellschaftliche Konflikte in sich tragen?

SF: Erinnerung verstehe ich nicht als rückwärtsgewandte Beschäftigung mit einer abgeschlossenen Vergangenheit, sondern als etwas, das in gegenwärtige Räume, Konflikte und Handlungsmöglichkeiten hineinwirkt – eine Frage, die aktuell auch die digitale Erinnerungskultur beschäftigt, wenn Archive selbst zum umkämpften, sich wandelnden Feld werden statt zur fixen Aufzeichnung.

Weder Boden noch Erinnerung sind dabei neutral. Boden ist Eigentum, Ressource, Lebensraum, Konfliktfeld und politisch reguliert. Wer darf ihn nutzen oder verändern? Wer wurde verdrängt? Was wurde überbaut oder bewusst nicht erinnert? Ähnliche Fragen stellen sich bei Erinnerung: Wer entscheidet, welche Geschichte aufgezeichnet, erzählt und sichtbar wird?

In meiner Lehre am Institut für Architekturbezogene Kunst (IAK) der TU Braunschweig, bei Prof. Folke Köbberling, vermittle ich deshalb, dass wir nie auf einem „leeren“ Grundstück arbeiten. Orte sind bereits benutzt, überschrieben, erinnert worden. Boden ist Archiv, aber kein statischer Speicher, sondern Teil gegenwärtiger politischer und ökologischer Aushandlungen. Unter den Bedingungen der Klimakrise wird das umso wichtiger: Boden ist endlich, ebenso die im Bauen gebundenen Ressourcen. Die Frage nach Erinnerung gehört für mich deshalb unmittelbar mit der Frage zusammen, was wir erhalten oder umbauen, statt neu zu produzieren. Das Nachhaltigste wäre, bestehende Gebäude nachzunutzen.

In deinen Seminaren verbindest du historische Recherche mit künstlerischen und räumlichen Experimenten. Warum sind solche Methoden für deine Lehre und Forschung wichtig? Wie verändern sie den Blick der Studierenden auf Architektur und Stadtraum?

SF: Historische Recherche und künstlerische Praxis gehören für mich zusammen. Manche räumlichen Zusammenhänge lassen sich nicht allein durch Texte oder Archivmaterial verstehen. Deshalb arbeite ich mit Studierenden auch über Mapping, Fotografie, Listening, Modellbau, Performance oder konkrete Eingriffe in einen Ort. Das gemeinsame Graben soll dabei nicht illustrieren, was wir vorher schon wissen; vielmehr kann die Handlung selbst Erkenntnis produzieren. Ein Ort verändert sich, wenn man sich länger dort aufhält, etwas freilegt, etwas verschiebt oder gemeinsam mit anderen darin handelt.

Besonders deutlich wird das in meiner Seminarreihe „Architektur und Krieg“. Dort untersuchen wir Architektur nicht als neutrale gebaute Form, sondern als Teil politischer, militärischer und gesellschaftlicher Prozesse. Bunker, Schutzräume, Zerstörung, Wiederaufbau oder die Nutzung von Zwangsarbeit zeigen, dass Architektur immer in Machtverhältnisse eingebunden war und ist.

Gleichzeitig interessiert mich, wie aus der Auseinandersetzung mit Geschichte eine andere Haltung zum Bestand entstehen kann. Bestehende Gebäude sind nicht nur materielle Ressourcen, sondern tragen Erfahrungen und Konflikte in sich. Umbau und Sanierung im Bestand sind für mich deshalb nicht nur technische oder ökologische, sondern auch kulturelle und politische Aushandlungen.

Deine Arbeit verbindet Architektur mit Geografie, Soziologie, Kunst und Erinnerungskultur. Was eröffnet ein interdisziplinärer Blick für die Architekturlehre? Was sollten dabei Studierende lernen – und was wünschst du dir für das Studium?

SF: Meine Perspektive auf Architektur ist stark durch Geografie, Soziologie, Kunst und Erinnerungskultur geprägt. Raum entsteht für mich nicht nur durch Gebäude, sondern durch Geschichte, Nutzung, Eigentumsverhältnisse, Material und gesellschaftliche Aushandlungen. Architektur ist deshalb für mich immer auch politisch: Räume strukturieren Zugänge, Möglichkeiten und Ausschlüsse.

Für das Studium wünsche ich mir eine Neuorientierung: weg von der Vorstellung, entwerfen bedeute vor allem, etwas Neues zu produzieren, hin zu einem genaueren Umgang mit dem bereits Vorhandenen. Umbau, Sanierung, Reparatur und Erhalt sollten nicht als Einschränkung, sondern als zentrale Entwurfsaufgaben verstanden werden – unmittelbar mit Klima- und Ressourcenschutz verquickt, denn im Bestand sind bereits enorme Mengen an Material, Energie, Arbeit und Geschichte gebunden.

Graben ist für mich dabei nie nur Methode der Forschung. Was wäre, wenn wir Bestand nicht zuerst vermessen, sondern zuerst graben würden: Nicht um zu finden, was wir suchen, sondern um zu sehen, was ein Gebäude über sich selbst preisgibt, bevor wir es verändern? Genau das wünsche ich mir für die Lehre – einen Entwurfsprozess, der mit einer Frage beginnt statt mit einem Plan.