Freiheit bauen: Studierende entwickeln Haus der Demokratie

Einen Ort, der für das Lernen aus der Geschichte steht und zugleich freiheitliche Utopien befördert, haben Studierende der Universität Kassel für Potsdam entworfen – an schwieriger Stelle zwischen einer barocken Kirche und einem DDR-Betonkubus.

Universität Kassel

np | 24.05.2022

Dass Gebäude aus DDR-Zeiten dem Wiederaufbau barocker Architektur weichen müssen, kennt man aus Berlin. Ähnliches hätte sich auch in Potsdam zugetragen, wenn für die umstrittene Rekonstruktion der Garnisonkirche das ehemalige, heute als Kunst- und Kreativhaus genutzte Rechenzentrum abgerissen worden wäre. Inzwischen ist klar, dass es dazu nicht kommen wird. Was mit diesem Ort zwischen nachgebautem Kirchenturm und DDR-Plattenbau geschehen soll, wird im Rahmen eines vier Phasen umfassenden Prozesses geklärt. Anknüpfend an die Ergebnisse der zweiten Phase, eines Design Thinking-Prozesses, entwickelten zwanzig Studierende des Fachgebiets Architekturtheorie und Entwerfen der Universität Kassel, betreut von Prof. Dipl.-Ing. Philipp Oswalt, Samuel Korn und Dipl. Ing. Architektin Astrid Wuttke insgesamt neun Entwürfe für das von der Stadt geplante Haus der Demokratie.

Historischen Bestand mit Zukunftsvision vereinbaren

Die Herangehensweise an die Aufgabenstellung erfolgte in zweifacher Richtung. Zum einen untersuchten die Studierenden, wie sich im Umfeld der Garnisonkirche ideologisch-politische Konflikte baulich-räumlich niedergeschlagen und in der gebauten Umwelt physische Spuren hinterlassen haben. Zum anderen beschäftigten sie sich mit Räumen, die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung bieten und sich bestehenden Ordnungen entziehen oder diese unterlaufen. Im nächsten Schritt wurden die Untersuchungsergebnisse in Form von Collagen zusammengetragen – mit dem erklärten Ziel, „baulich manifestierten antidemokratischen Traditionen ein Freiheitsversprechen entgegenzusetzen“. Die Leitfragen, die sich die Studierenden beim Bearbeiten der Aufgabe gestellt haben, lauteten:

„Wie kann hier ein neuer Dritter Ort für das Lernen aus der Geschichte und das Befördern freiheitlicher Utopien gestaltet sein? Soll sich dieser Dritte Ort mit den beiden Bestandsbauten verbinden und sich teilweise auch auf diese ausdehnen?“

Von der Collage zum Entwurf

Nach dieser Annäherung an die Thematik entstanden von Ende November 2021 bis Februar 2022 architektonische Entwürfe für den konkreten Ort. Die Stadt Potsdam entwickelte gemeinsam mit Vertreter*innen des Kunst- und Kreativhauses Rechenzentrum und der Stiftung Garnisonkirche Potsdam erste Ideen für ein städtisches Haus der Geschichte und Demokratie. Parallel dazu erarbeiteten die Kasseler Architekturstudierenden ihre Entwürfe auf Grundlage der Collagen sowie eines Raumprogramms, das auf den den Ergebnissen des Design Thinking-Prozesses beruht.

Dieses Programm sieht insgesamt drei Bausteine vor: einen allgemeinen Bereich, einen Ort der Geschichte und einen Ort der Demokratie. Eine weitere Vorgabe bestand darin, den 1,70 Meter schmalen Spalt zwischen Kirche und Rechenzentrum zu erhalten, da sich in ihm der ideologische und historische Konflikt manifestiere. Auch das denkmalgeschützte Mosaik, das sich im Erdgeschoss an der Außenwand des Rechenzentrums befindet, galt es zu bewahren.

Ein breites Spektrum an Möglichkeiten

Die im Rahmen des Studierendenprojekts entstandenen Entwürfe gehen mit den widersprüchlichen Gegebenheiten im Bestand auf höchst unterschiedliche Art und Weise um. Ob Black Box, Forum, Fuge, Parcours, Passage, Perspektiven, Stapel, Turm oder Wolkenbügel – die Konzepte der Studierenden zeigen facettenreiche, zeitgenössische Architekturlösungen. Einige haben die Garnisonkirche punktuell umbaut, andere den Ostflügel des Rechenzentrums ersetzt, Flächen der Plantage überbaut, den Blick auf den Langen Stall verstellt oder die Höhe des Rechenzentrums und des ehemaligen Kirchenschiffs überschritten. Die Arbeiten wurden bis zum 08. Mai 2022 im Kunst- und Rechenzentrum präsentiert. Eine umfassende Dokumentation der Ausstellung kann auf der Website der Universität Kassel eingesehen werden.