Brick by brick: Slaatto Morsbøl und die neue dänische Materialkultur

Zwei Studierende gelangen binnen zwei Jahren vom Praktikum als Ziegelreinigerinnen zum eigenen Büro mit preisgekrönten Projekten. Ihre Arbeitsweise: gewagt angewandt, angstbefreit und stets ein Trial-and-Error-Prozess.

Auf der kürzlich abgeschlossen Architekturbiennale in Kopenhagen wurden sie mit ihrem „Slow Pavilion“ einem breiten Publikum bekannt: Slaatto Morsbøl ist das Duo, das die dänische Materialkultur verändern will. Was wie ein großes Ziel klingt, entstand aus einer Reihe spontaner Entscheidungen.

#StudioUnderConstruction wirft einen Blick auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.

Vom Laptop zur Deponie

Thelma Slaatto aus Oslo und Cecilie Morsbøl erkannten während ihres Bachelorstudiums an der Royal Danish Academy ihr gemeinsames Interesse für Materialien und Handwerk. Zwischen Bachelor und Master nahmen sie sich eine zweijährige Auszeit, um Architektur jenseits von Bildschirmen und gedruckten Plänen zu erkunden. 2023 begannen sie ein Praktikum in einem neu gegründeten Ziegelreinigungsbetrieb. Statt Tastatur und Maus: Hammer und Meißel. Statt Renderings: reale Baustoffe, Staub, Gewicht. Sie bereiteten Materialien für ein zweites Leben vor – eine Arbeit, die ihr Verständnis von Architektur grundlegend veränderte.

Diese praktische Arbeit öffnete Thelma und Cecilie die Augen für die riesigen Mengen entsorgter Baumaterialien, vor allem Beton. Sie beschlossen, diesem oft verschmähten Baustoff eine neue Ästhetik abzugewinnen und ihn wiederzuverwenden.

Urbane Abfälle als Materialbank

Mit geliehenem Werkzeug schnitten die beiden aus alten Betonplatten Blöcke, aus denen sie auf der Deponie ein Mock-up errichteten. Nicht im Materiallabor, sondern inmitten der trostlosen Landschaft der Deponie bauten sie eine Gebäudeecke im Maßstab 1:1. Die raue Struktur, die terrazzoartige Maserung und das konstruktive Konzept bewiesen: Beton kann in dieser Form weiterleben und ist unmittelbar einsetzbar. Die Betonblöcke fanden bereits Verwendung – etwa im Neubau eines viergeschossigen Wohnhauses, geplant von CEBRA Architects. Das Projekt wurde mit dem UDSYN-Preis des Dänischen Architektenverbands ausgezeichnet.

„The feeling that you take waste material that looks like a pile of rubbish and create something that looks good […]“ — dieses Gefühl überzeugte laut Thelma und Cecilie, Materialien weiterzuerkunden. 

Pragmatische Akquise

Wie kommt aber das junge Duo an Aufträge? Nicht nur ihre Architektursprache, basierend auf wiederverwendeten Materialien zeichnet Slaatto Morsbø aus, sondern auch ihr pragmatischer Ansatz: Sie kooperieren eng mit einem Abrissunternehmen. Die symbiotische Zusammenarbeit eröffnet direkten Zugang zu ausrangierten Baustoffen, die sie in neue Projekte integrieren. So entstanden bereits mehrere Bauten, darunter die Jacobsen Bar, die die Carlsberg-Brauerei für das Roskilde-Festival 2025 in Auftrag gab.

Ein Pavillon für die Entschleunigung

2025 erreichten Slaatto Morsbøl ihren bisherigen Höhepunkt: Ihr Entwurf „Inside Out, Downside Up“ wurde als einer von zwei Pavillons für die Architekturbiennale in Kopenhagen ausgewählt. Im Projekt erforschten sie die ästhetischen Potenziale von gebrochenen Ziegeln – einem oft übersehenen Abfallprodukt. Die modulare Struktur aus recyceltem Holz, Ziegeln und Stroh testeten sie bereits in der Entwurfsphase im Maßstab 1:1. Gemeinsam mit Fachleuten und Handwerker*innen setzten sie das Projekt um – eine Zusammenarbeit, die ihr technisches Wissen erheblich erweiterte.

Trial, Error, Erfolg

Zwei Jahre und neun Projekte auf der Website – so lautet die Bilanz ihres Intervalls zwischen Bachelor und Master, in der sie mit kleinem Budget und Nebenjobs ihren eigenen Zugang zum Beruf definierten. Dies schafften sie jenseits von Business-Plans, Finanzierungsmodellen und befreit vom erstickenden Druck, lukrativ und erfolgreich zu sein. Einfach austesten, nicht groß experimentieren. Die Geschwindigkeit, mit der ihre Entwürfe umgesetzt werden, überrascht  – ein Hauch frischer Luft für eine träge Branche.

Als was verstehen sich die beiden aber nun - als Bauproduktentwicklerinnen oder etwa Materialberaterinnen? Nein, Thelma und Cecilie sehen sich als Architektinnen. Jetzt, im Master, suchen sie neuerliche Schnittstellen zwischen Studium und Büro, nach dem Abschluss wollen sie in dieser Konstellation weitermachen. Sie haben ein eigenes kleines Büro, um nicht mehr zwischen Wohnungen und Baustellen pendeln zu müssen. Die Hälfte ihrer Zeit verbringen sie auf Baustellen, die andere am Schreibtisch – ein Gleichgewicht, das sie bewusst pflegen. „This is what I want to do for the rest of my life. And that feels really good“, sagt Thelma.