(schmückendes) Beiwerk: Re-Lektüre des Staffagebegriffes in der Architektur
Samuel Kleinschmidts Masterarbeit entwickelt erste Ansätze einer kritischen Staffagetheorie. Er hinterfragt die unscharfe Definition des Begriffs und schlägt zwei präzisere vor: Schmuck und Beiwerk.
Wenn ich Architekturdarstellungen betrachte, fällt mein Blick fast immer zuerst auf angebliche Nebensächlichkeiten: Menschen, die am Rand sitzen; Bäume, die Schatten werfen; Möbel, die beiläufig im Raum stehen. Diese Elemente führen mich in die Szene ein. Wir nennen sie Staffage. Doch was verbirgt sich hinter diesen scheinbar nebensächlichen Elementen? Diese Fragestellung wurde zum Ausgangspunkt meiner Masterarbeit „[schmückendes] Beiwerk, Re-Lektüre des Staffagebegriffes in der Architektur“, die 2025 am Fachgebiet Architekturtheorie an der Technischen Universität Berlin unter Prof. Jörg Gleiter entstand.
Klischee
Schon Johann Georg Sulzer (1720–1779) erkannte die Bedeutung der Staffage. In seinem „Begriffslexikon Theorie der Schönen Künste“ beschreibt er sie erstmals als „bisweilen das Wichtigste in der Landschaft […]“. Dennoch bleibt der Begriff bis heute ungenügend definiert. Warum? Es scheint doch einfach: Staffage umfasst Menschen, Tiere, Objekte und Vegetation, die eine Darstellung beleben und kontextualisieren.
Doch genau hier setzt meine Kritik an. Denn es handelt sich um eine hinweisende Definition, die nur auf Beispiele verweist, ohne den Begriff zu erklären. Sie zählt auf, was dazugehört, wo es vorkommt und warum es verwendet wird – was, wo, warum. Das ist, als wollte man den Begriff „Säugetier“ erklären, indem man alle Säugetiere auflistet, statt seine Merkmale zu benennen, etwa die lebende Geburt des Nachwuchses. Bei der Staffage ist es zwar weniger komplex als bei den Säugetieren, doch das Grundproblem heißt: Die eigentliche Bedeutung bleibt unklar.
Das zeigt sich auch daran, dass wir nicht zwischen Figuren unterscheiden, die uns mit einer Geste in den Raum führen und Objekten, die bloß dekorativ sind. Beides nennen wir Staffage, obwohl sie völlig unterschiedlich wirken. Unter diesem Begriff verschwimmen die Unterschiede, und die Staffage erscheint beliebig.
Goethe und Schinkel
Dass Staffage alles andere als beliebig ist, zeigt Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) in seinem Brief „Ruisdael als Dichter“. Er beschreibt eine Figur, die am Ufer sitzt, den Betrachtenden den Rücken zukehrt und so nicht zum Gegenüber, sondern zum Verbündeten wird. Gemeinsam mit ihr teilt der Betrachtende den Blick in die Landschaft. Durch sie verwebt sich die Betrachtung von außen und innen lieblich ineinander, um es mit den Worten von Goethe zu beschreiben.
Ein ähnlicher Umgang mit Staffagefiguren zeigt sich bei Karl Friedrich Schinkel (1781–1841). In einer Darstellung des Schlosses Charlottenhof sitzen zwei Personen am rechten Bildrand auf einer runden Parkbank. Eine von ihnen deutet mit der Hand auf das Gebäude im Hintergrund. Diese Geste lenkt den Blick der Betrachtenden ins Bild. Die Figur wird zum Ausgangspunkt der Erkundung. Sie belebt nicht nur den Raum, sondern bindet die Betrachtenden in die Szene ein. Die betrachtende Person nimmt unbewusst ihre Perspektive ein, setzt sich gedanklich auf dieselbe Bank, folgt ihrer Geste und erkundet das Gebäude. Diese Beispiele zeigen, wie stark Staffagefiguren eine Darstellung prägen können.
Beiwerk
Jacques Derrida (1930–2004) beschreibt in „La vérité en peinture“ [Die Wahrheit in der Malerei] den Einfluss von Nebensächlichkeiten auf das Kunstwerk. Wegen seines inneren Mangels ist ein Kunstwerk (Ergon) stets auf ergänzende Zusätze (Parergon) angewiesen. Diese Beziehung ist nicht bloß begleitend, sondern macht das Werk erst lesbar. Derrida illustriert dies am Gemälde der „Lucretia“ von Lucas Cranach d.Ä. (1472–1553). Lucretia hält einen Dolch, den sie auf ihr Herz richtet. Der Dolch spricht das aus, was sie selbst nicht sagen kann: ihren bevorstehenden Selbstmord. Er zeigt das Nichtdarstellbare.
Die Darstellung des Nichtdarstellbaren
Noch deutlicher wird dies in Claude-Joseph Vernets (1714–1789) Gemälde „Le Naufrage“ [Das Schiffswrack]. Die Gefahr des Sturms lässt sich nicht direkt darstellen. Sie wird erst durch Beiwerke sichtbar: Menschen, die sich ans Ufer retten, oder Bäume, die im Sturm brechen. Entfernt man diese Elemente, verschwindet auch die Bedrohung. Das Beiwerk macht das Nichtdarstellbare sichtbar.
Aber woran erkennen wir, ob es sich um unverzichtbares Beiwerk handelt oder um überflüssige Äußerlichkeiten?
Schmuck
Das zeigt sich durch Wegdenken – wie soeben in der Analyse des Schiffswrack-Gemäldes. Bei der „Lucretia“ trägt die Figur auch eine Halskette. Entfernt man sie gedanklich, ändert sich nichts Wesentliches. Die Kette ist Schmuck: reizvoll, aber ohne notwendige Beziehung zur Bedeutung oder Funktion des Werks. Schmuck ist verzichtbar; Beiwerk nicht.
Schlussfolgerung
Nach dieser Unterscheidung zwischen Schmuck und Beiwerk lässt sich der Begriff „Staffage“ nicht mehr unkritisch verwenden. Staffage war nie eine homogene Kategorie, sondern vereinte immer diese beiden Seiten. Das zeigt sich auch in der Definition des Dudens: [schmückendes] Beiwerk. Doch es gibt keine Zwischenform. Ein Staffageelement ist entweder Schmuck oder Beiwerk – ein Drittes existiert nicht. Diese Begriffe erlauben es, das vermeintlich Nebensächliche ernst zu nehmen und als das zu begreifen, was es oft ist: das Entscheidende.