Reparatur ist Gestaltung: Transformative Sicherungs- und Gestaltungsansätze zur Aneignung von Bestand
Ausgehend von einer leerstehenden Komturei bei Coswig entwickeln Julian Leibold und Hannes Herbst einen praxisnahen Katalog, der zeigt, wie historische Substanz gesichert und zugleich gestalterisch neu interpretiert werden kann.
In unserem Innenarchitektur-Abschlussprojekt an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle erarbeiten wir, Julian Leibold und Hannes Herbst, im Sommersemester 2025 neue Perspektiven auf Reparatur und Transformation von historischer Bausubstanz.
Im Projekt „Denkmal zu verschenken“ unter der Leitung von Gastprofessor Andree Weissert entwickeln wir anhand der Auseinandersetzung mit einer teils ruinösen, leerstehenden Komturei bei Coswig (Sachsen-Anhalt) denkmalgerechte Vorschläge für mutiges, zukunftsfähiges Bauen und Wiedernutzbarmachung.
Vorgehensweise
Mithilfe der dichten Beschreibung und Analyse des Ortes entstand während diverser Aufenthalte und Übernachtungen im Bestandsgebäude mittels digitaler Vermessungs- und Darstellungsmethoden schnell eine Liste unzähliger Konfliktmomente durch Mängel und Schäden in der historischen Substanz aber auch durch Aufeinandertreffen von Zeitschichten und Ideen.
Fehlender Lastabtrag wie ungleiche Fundamentsetzungen und ihre Folgen, wie Mauerwerksrisse, aber auch marode Auflager, kippende Wände, einfallende Stürze und Materialalterung haben wir im Bestand kartiert und für uns eingeordnet.
Ziel
Innerhalb einer intensiven, zweimonatigen Recherche zum Umgang mit ebensolchen Konflikten ist uns jedoch aufgefallen, dass auch die Typologie „Reparaturkatalog/User Manual“ selbst eingestaubt und stark veraltet ist. Wir vermissen Spielräume, Möglichkeiten, Vorschläge für flexible Umgangsweisen und alternativen Materialeinsatz.
So haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, einen neuen, einfach verständlichen und praxisnahen Katalog zu entwerfen, der anhand konkreter Beispiele zeigt, wie historische Bausubstanz auf einfache Weise gesichert und repariert werden kann. Dabei ist uns wichtig, auch das gestalterische Potenzial in diesen Interventionen zu verdeutlichen und auszutesten.
Unser Ziel ist es, zu ermutigen und Lust zu machen, aber besonders auch Brücken zu bauen, die die große Kluft zwischen der Praxis der „HeimwerkerInnen“ und der gefühlt oft selbstgefälligen (Erwartungs-)Haltung vieler GestalterInnen wie auch ArchitektInnen überwinden können. Der Katalog richtet sich bewusst an alle, die sich mit der Instandhaltung und Reparatur von historischen Gebäuden auseinandersetzen (möchten).
Zielgruppe und Aufgabe
Unter dem Leitsatz "Reparatur ist Gestaltung" soll besonders die jüngere Generation angesprochen werden, Reparaturen nicht nur als Pflicht zu sehen, sondern als Chance, aktiv an der Erhaltung und Gestaltung historischer Bauten und damit der meist eigenen Umwelt mitzuwirken und diese für sich zu überschreiben.
Handbuch
Entstanden ist eine 150-seitige Publikation, die wir gegen Erstattung der anfallenden Unkosten als gebundene Ausgabe zur Verfügung stellen möchten.
Ähnlich unserer eigenen Vorgehensweise folgt auch das Nutzer*innenhandbuch einer klaren Reihenfolge. Nach einer genauen Beobachtung der Problemstelle gibt jedes Kapitel auch einen Überblick mit Informationen und Darstellungen aus der Fachliteratur.
Unter Hinzuziehung dieser folgt daraufhin ein Unterkapitel, das sich mit der einfachen, kostengünstigen, technischen Sicherung auseinandersetzt und diese anhand eigener Zeichnungen erläutert.
Darauf folgt ein Gestaltungsteil, der mit einer weiteren Zeichnung beschreibt, wie eine poetische, manchmal provokative Intervention aussehen könnte. Hier bemühen wir uns, nicht bloß ökonomisch-funktional zu denken, sondern bewusst auch über die kommunikativen und sozialen Potenziale von Gestalt selbst zu intervenieren. So entsteht, wie wir hoffen, ein innovativer Ansatz für den Umgang mit historischem Bestand, der Technik und Gestaltung verbindet.