Mischlingsarchitektur: Fachliteratur über Hybride

Hybride Bauten gelten als Antwort auf verdichtete Städte und veränderte Nutzungsansprüche. Doch was macht einen Hybrid aus – und wo endet Mixed Use? Einige Überlegungen dazu in diesem #BookChat.

Hybride Fahrzeuge, hybrides Arbeiten, hybride Veranstaltungen: Der Begriff ist inflationär. Auch in der Architektur beschreibt er einerseits einen Baustoffmix, andererseits eine programmatische Kompositform. Doch wann wird ein Gebäude zum Hybrid? Die Architekturtheorie des 20. und 21. Jahrhunderts hat versucht, ihn als eigenständigen Bautypus zu fassen – doch die Fachliteratur bleibt überschaubar. Unser #BookChat in diesen vier Publikationen – von der Genealogie bis zu gebauten Beispielen hybrider Architekturen.

Die Personifizierung des Hybrids: Die Reihe von A+T publishers

Der spanische Verlag A+T Publishers will den Hybrid systematisch durchdeklinieren. Seit 2008 untersuchen die Herausgeber*innen Aurora Fernández Per und Javier Mozas Lerida in Zeitschriften und Büchern die Merkmale dieser Atypologie. Die zweisprachige Publikationsreihe (spanisch-englisch) ordnet den Hybrid in die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts ein und sucht verwandte Phänomene: den Social Condenser, das Mixed-Use-Gebäude. Am nächsten liegt der Mixed-Use-Begriff, und hier entsteht die häufigste Verwechslung. Für die Herausgeber*innen ist Mischnutzung nur die Grundvoraussetzung, nicht Ergebnis des Hybridisierungsprozesses. Die zwei jüngsten der sechs Publikationen greifen wir heraus.

Das 2020 Kompendium „50 Hybrid Buildings: Catalogue on the Art of Mixing Uses“ sammelt Fallbeispiele vom Ende des 19. bis Anfang des 21. Jahrhunderts. Die Bandbreite reicht von Klassikern wie Marina City, Kulturhuset oder Torre Velasca bis hin zu aktuellen Projekten wie dem Omnium von BIG oder Blox von OMA. Eine grafische Timeline ordnet die Bauwerke chronologisch ein. Jedem Beispiel widmet das Buch einen Steckbrief samt Schnittzeichnung mit Programmangabe – denn Hybride, so die Autor*innen, erklären sich im Schnitt.

Die Zeitschriftenausgabe „2ndHAND. Hybrid Buildings“ setzt die Forschung fort und richtet den Blick auf hybride Umbauten – typologisch und programmatisch. Die 2026 erschienene Ausgabe versammelt acht Projekte, sechs davon in Belgien. Ausführliches Bild-, Plan- und Detailmaterial zeigt, wie der Umbau zur Durchmischung führt.

Die Reihe von A+T publishers bietet ein theoretisches Fundament und einen breiten, gut kategorisierten Überblick über Fallbeispiele. Beim Versuch, den Begriff zu definieren, bleibt sie allerdings ambivalent.

Mischlingsarchitektur par excellence: Delirious New York

Bevor er OMA mitgründete, arbeitete Rem Koolhaas als Journalist und Drehbuchautor. Kein Wunder also, dass das Werk, das ihn bekannt machte, kein Gebäude ist, sondern eine Publikation. Sein retroaktives Manifest für Manhattan erschien 1978 und wurde seither in über zehn Sprachen übersetzt – 1999 brachte der ARCH+ Verlag die deutsche Fassung heraus. Während seines Stipendiums an der Cornell University entdeckte ein junger Koolhaas in New York eine Architektur, die dem Geist der Moderne widersprach: profan, ungeplant, kommerziell, dicht, gestaut. Dem strengen Straßengrid Manhattans stand die Willkür der vertikalen Entwicklung gegenüber. Koolhaas identifizierte den Wolkenkratzer als Träger dieses vertikalen Deliriums.

Seine Radiografie des Downtown Athletic Club zeigt den beliebig wirkenden Programmmix und die unerwarteten Verbindungen zwischen den Aktivitäten einzelner Etagen: „So eine Architektur ist eine aleatorische Form der ‚Planung‘ des eigenen Lebens.“ Fast 50 Jahre nach Erscheinen bleibt „Delirious New York“ eine nüchterne Untersuchung der programmatischen Komplizenschaft hybrider Strukturen – und dabei ein Lesegenuss.

Industriemix: Hybrid Factory Hybrid City

Die Fabrik des 21. Jahrhunderts ist sauber, leise, unschädlich. Produktion, lange aus dem Stadtinneren verbannt, kehrt ins Urbane zurück und verschränkt sich mit anderen Nutzungen. Genau diese Entwicklung, die auch jenseits Europas wahrnehmbar ist, untersucht Nina Rappaport in „Hybrid Factory, Hybrid City“ (2022, Actar Publishers). Die Publikationsdirektorin an der Yale School of Architecture setzt damit ihre Forschung zur Stadtfabrik fort und fragt: Wie verändern neue Technologien die Produktionsstätte, wo entstehen Kompatibilitäten mit Wohnen, Gewerbe oder Gemeinschaftsnutzungen?

Das Buch betrachtet den Industriemix im Gebäude- und Stadtmaßstab. Es geht auf ein Symposium zurück, das Rappaport 2020 organisierte. Positionen aus der Praxis – etwa von TRANS architects, 51N4E, Sauerbruch Hutton oder Barkow Leibinger – treffen auf Studien und akademische Arbeiten. So entsteht ein Dialog zwischen Planung und Forschung, der über Fallbeispiele hinausweist. Mit den zahlreichen Beispielen baut Rappaport planerische Berührungsängste gegenüber einer Typologie ab, die oft als sperrig gilt.

Und wie entwirft man nun hybrid?

Als einen Bautyp, ein Attribut oder eine Haltung? Die ausgewählte Literatur beantwortet die Frage nicht, liefert aber Material, um sich eine fundierte Position zu bilden. Eindeutig ist: Hybride Bauten funktionieren dann, wenn in einer Struktur unerwartete Synergien entstehen und aus der Kreuzung etwas Neues wird. Sie bleiben Protagonist*innen der urbanen Architektur.