Innenansicht Uni: Der baunetz CAMPUS Studio-Report II

In unserer News-Reihe „Studio-Report“ berichten Studierende verschiedener Architekturhochschulen über ihren Uni-Alltag und die Arbeits-, Lehr- und Lernsituation an ihrer Fakultät. In der zweiten Ausgabe hat unsere Redaktion Stimmen aus Graz (AT), Mendrisio (CH) und Karlsruhe (D) eingefangen.

Accademia di Architettura di Mendrisio // KIT Karlsruhe // TU Graz

jm | 04.11.2022

Architekturstudent*innen verbringen einen Großteil des Studiums in den Studios und Ateliers ihrer Fakultät. Nachdem dies pandemiebedingt für einige Zeit kaum möglich war, ist bei vielen nachdrücklich das Bewusstsein dafür gestiegen, wie prägend diese Räume doch sind. Das bezieht sich freilich nicht nur auf das Lernen, Planen und Schaffen von Architektur, sondern auch auf den sozialen Raum und die damit verbundenen Erfahrungen: Hier wird Gelungenes gefeiert, es werden Misserfolge verarbeitet, gemeinsam Nächte durchgemacht, voneinander gelernt, sich gegenseitig inspiriert und unterstützt – eine enge Community kann dabei entstehen, und der Arbeitsraum wird für einige zum Wohnzimmer. Diese vielschichtigen Arbeitsräume der Fakultäten unterscheiden sich untereinander von Standort zu Standort. Um einen Einblick zu gewähren, wie sich der Arbeitsalltag an den unterschiedlichen Schulen gestaltet, hat baunetz CAMPUS Studierende in ganz Europa befragt und die Ergebnisse im Vergleich gegenübergestellt. Thematisch schließen wir mit dieser fortlaufenden Reihe an unsere Focus-Ausgabe „Alternative Architekturschule“ an.

Wie viele Stunden pro Woche verbringt ihr in eurem Studio/Atelier? Wie viel Zeit arbeitet ihr im Gegensatz dazu zu Hause oder außerhalb der Hochschule?

Accademia di Architettura di Mendrisio: „Das kommt ganz auf die Professur und darauf an, wie man selbst am liebsten arbeitet. Oft entsteht in jedem Atelier eine eigene Dynamik. Da es auch viele andere Möglichkeiten wie den Computerraum oder die Bibliothek zum Arbeiten gibt, verteilt sich das zeitlich für jeden nach eigener Präferenz sehr unterschiedlich.“

KIT Karlsruhe: „Zwischen dem 1. und 3. Semester BA haben wir vor allem in Entwurfs- und Abgabephasen viel Zeit in den Studios verbracht. Abgesehen von den Vorlesungen haben wir uns den Großteil des Tages in den Arbeitsräumen aufgehalten. Während Corona ist der Arbeitsplatz an der Uni weggebrochen, und somit hat sich der Studio-Alltag nach Hause verschoben.“

TU Graz: „In den Studio-Räumen verbringen wir unter der Woche ca. 40 Stunden, plus minus 5 Stunden, je nachdem, wie viel zu tun ist. Zu Hause arbeiten wir kaum, das meiste passiert im Studioraum.“

Wo befinden sich die Studio-Räume an der Fakultät? Wie erreicht man sie? Findet an deiner Fakultät die Entwurfslehre zentral oder über den kompletten Campus verteilt statt?

Accademia di Architettura di Mendrisio: „Da unsere Fakultät abgelegen vom restlichen Campus der Universität Università della Svizzera italiana“ in einer Kleinstadt liegt, sind die Wege sehr kurz, und es gibt dementsprechend auch wenig Interaktion mit anderen Fakultäten."

KIT Karlsruhe: „Die Studio-Räume des KITs befinden sich in den Gebäuden der Architekturfakultät. Die Lehre und das Arbeiten spielt sich meist in einem der zwei Gebäude ab. Da die Gebäude nah beieinander liegen, kommt man schnell von einer Räumlichkeit zur anderen."

TU Graz: „Es bleibt eigentlich alles hier im Gebäude. Es ist sehr praktisch und angenehm, dass man von der Vorlesung in der Halle nur zehn Meter laufen muss, um wieder ins Studio zu kommen. So ist es auch ziemlich zentral am Campus, d.h. zum Beispiel, wenn wir in der Kopernikusgasse Unterricht haben, gehen wir nur einen Block weiter und sind da."

Finden weitere Aktivitäten neben der Arbeit an den Entwürfen im Arbeitsraum statt – gemeinsame Mahlzeiten, Partys, Treffen, Verabredungen, Termine usw.?

Accademia di Architettura di Mendrisio: „Großteils findet in den Studios Studioarbeit statt, jedoch bieten sie viele Gelegenheiten für informelle Treffen mit Studierenden aus anderen Arbeitsräumen. Außerdem wird sich hier auch oft für Gruppenarbeiten zu den theoretischen Kursen getroffen."

KIT Karlsruhe: „Mit den Studios verbinde ich nicht nur Arbeiten. Es ist ein Ort des sozialen Austausches. Die Studierenden werden zu Freunden und zur Familie, und das Studio wird – vielleicht auch wegen der ganzen Zeit, die man dort verbringt – zu einem weiteren Zuhause, wo gegessen, getrunken und auch mal gefeiert wird. Allerdings sind für Partys an der Architekturfakultät die Innenhöfe (besonders im Sommer) von unglaublicher Qualität."

TU Graz: „Gemeinsame Mahlzeiten auf jeden Fall, gemeinsame Partys noch nicht – wird aber sicher passieren. Wir haben unseren Fernseher in den Griff gekriegt, sodass wir dort auch nebenbei Musik hören können."

Wie ist der Austausch innerhalb der Studios – unter den Studierenden und mit den Lehrenden? Wird der Austausch durch die architektonische Gestaltung der Räume begünstigt?

Accademia di Architettura di Mendrisio: „Dadurch, dass jedes der zwei Geschosse einen sehr offenen Grundriss hat und die Studios nur von Regalen oder flexiblen Trennwänden voneinander getrennt sind, ergibt sich ein sehr reges Miteinander. Die einzelnen Studios wirken so auch für andere sehr einladend. Außerdem wird der Austausch zwischen den Lehrenden und Studierenden durch die geringe Anzahl der Studierenden pro Atelier begünstigt."

KIT Karlsruhe: „Am KIT gibt es zwei Gebäude, in denen Studios zu finden sind. Während den ersten Bachelorsemestern teilt sich das eigene Entwurfsstudio mit einem weiteren Studio einen zweigeschossigen Raum. Auch wenn der Austausch vor allem im eigenen Entwurfs-Kurs stattfindet, hat man die Möglichkeit, auf weitere Studierende zurückzugreifen, Fragen zu stellen und sich gegenseitig zu helfen."

TU Graz: Es ist wie eine Klassengemeinschaft, wie man es früher in den Schulen hatte. Wenn man auf andere Studienrichtungen schaut, sagen viele nach einem Semester, dass sie eine oder zwei Personen kennengelernt haben – bei uns ist es eine echte Gemeinschaft. Dadurch, dass wir auch so viele sind, sind wir immer im Austausch, denn auch, wenn man einzeln arbeitet, hilft man sich gegenseitig sehr oft."

 

Gibt es in deiner Fakultät eine räumliche Besonderheit des Gebäudes, in dem die Architekturlehre stattfindet? 

Accademia di Architettura di Mendrisio: „Eine Besonderheit ist, dass die architektonische Fakultät aus Gebäuden verschiedener Epochen besteht. Eines davon ist ein altes Krankenhaus aus dem frühen 19. Jahrhundert, das sich um einen Innenhof organisiert."

KIT Karlsruhe: „Ich glaube, dass die Fakultät von den zweigeschossigen Studios und den Werkstätten profitiert. Aber auch die Innenhöfe und Veranstaltungen außerhalb der Lehre wie das „Skizzenwerk“ in den Sommersemestern bereichern das Leben an der Universität und fördern den Austausch zwischen Studierenden, Lehrenden und Architekt*innen."

TU Graz: „Generell sind die Studios gut aufgebaut, auch architektonisch – man kann quasi durch alle hindurchgehen. Und, dass sie nur durch eine Glasscheibe getrennt sind, ist auch sehr vorteilhaft, denn einerseits ist die Belichtung so besser, und andererseits können wir so schneller zusammenkommen und uns kennenlernen."

 

Was schätzt du an eurem Arbeitsraum am meisten, und was würdet ihr ändern wollen? Welche Qualitäten weist das ideale Studio/Atelier auf?

Accademia di Architettura di Mendrisio: „Die Offenheit zwischen den verschiedenen Studioräumen, die für viele spontane Begegnungen sorgt, wird sehr geschätzt. Außerdem befindet sich die Universität auch im Grünen, was mir sehr gefällt. Die Universität hat ihr Angebot an Studios erhöht und somit Räume, die für andere Nutzungen vorgesehen waren, auch als Studios umgenutzt. Manche davon auch im Untergeschoss ohne direkte Fenster. Dies sorgt für eine starke Hierarchisierung zwischen den verschiedenen Räumlichkeiten und ist als Kritikpunkt zu erwähnen."

KIT Karlsruhe: „An den Studio-Räumen schätze ich neben dem eigenen Arbeitsplatz die Gegenwart der anderen Studierenden. Zu wissen, dass man nicht alleine eine Nachtschicht macht, sondern in Gegenwart der Freunde, ist ein kleiner Trost. Auch die Möglichkeit, sich mit den anderen über Ideen und Ansätze auszutauschen, sich zu connecten und zu helfen, bringt einen großen Wert mit sich und verstärkt die Qualität der Arbeit im Studio."

TU Graz: „Sehr gut sind das Zusammenkommen und der Austausch zwischen den Studierenden. Der Fakt, dass man eben viele kennenlernt, sich nicht alleine in Vorlesungen setzt und danach einfach wieder heim geht. So macht es Spaß, wenn auch nach dem Seminar andere da sind, die arbeiten. Etwas größere Räume wären ideal, denn wenn alle Leute arbeiten, ist es relativ eng und zusammengedrückt. Ein paar mehr Steckdosen wären auch nett."