Innenansicht Uni: Der baunetz CAMPUS Studio-Report I

In unserer News-Reihe „Studio-Report“ berichten Studierende verschiedener Architekturhochschulen über ihren Uni-Alltag und die Arbeits-, Lehr- und Lernsituation an ihrer Fakultät. Für die erste Ausgabe hat unsere Redaktion Stimmen aus Mailand (IT), Delft (NL) und Stuttgart (D) eingefangen.

Politecnico di Milano // Technische Universität Delft // Universität Stuttgart

jm | 28.10.2022

Architekturstudent*innen verbringen einen Großteil des Studiums in den Studios und Ateliers ihrer Fakultät. Nachdem dies pandemiebedingt für einige Zeit kaum möglich war, ist bei vielen nachdrücklich das Bewusstsein dafür gestiegen, wie prägend diese Räume doch sind. Das bezieht sich freilich nicht nur auf das Lernen, Planen und Schaffen von Architektur, sondern auch auf den sozialen Raum und die damit verbundenen Erfahrungen: Hier wird Gelungenes gefeiert, es werden Misserfolge verarbeitet, gemeinsam Nächte durchgemacht, voneinander gelernt, sich gegenseitig inspiriert und unterstützt – eine enge Community kann dabei entstehen, und der Arbeitsraum wird für einige zum Wohnzimmer. Diese vielschichtigen Arbeitsräume der Fakultäten unterscheiden sich untereinander von Standort zu Standort. Um einen Einblick zu gewähren, wie sich der Arbeitsalltag an den unterschiedlichen Schulen gestaltet, hat baunetz CAMPUS Studierende in ganz Europa befragt und die Ergebnisse im Vergleich gegenübergestellt. Thematisch schließen wir mit dieser fortlaufenden Reihe an unsere Focus-Ausgabe „Alternative Architekturschule“ an.

Wie viele Stunden pro Woche verbringt ihr in eurem Studio/Atelier? Wie viel Zeit arbeitet ihr im Gegensatz dazu zu Hause oder außerhalb der Hochschule?

Politecnico di Milano: „Etwa 25 Stunden während des Semesters, ca. 16 Stunden zu Hause und während Abgabephasen 40-50 Stunden.“

TU Delft: „Die Universität hat klar geregelte Öffnungszeiten, sie ist nicht rund um die Uhr geöffnet. Ich verbringe im Schnitt 40 Stunden im Studio und 0-16 Stunden zu Hause.“

Universität Stuttgart: „Das kann man nicht pauschalieren. Manche verbringen hier 56 Stunden – also die ganze Woche im Studio. Nach Corona sind einige Student*innen dazu übergegangen, weiterhin einen Großteil im Homeoffice zu verbringen.“

Wo befinden sich die Studio-Räume an der Fakultät? Wie erreicht man sie? Findet an deiner Fakultät die Entwurfslehre zentral oder über den kompletten Campus verteilt statt?

Politecnico di Milano: „Es gibt einen Campus für Architektur, in Ausnahmefällen finden aber auch Studio-Einheiten in anderen Gebäuden der Uni statt. Die Studios haben allerdings keinen festen Raum. Die Räume stehen nur für Unterrichtseinheiten zur Verfügung und sind oft vorher oder nachher von anderen Kursen belegt.“

TU Delft: „Die Lehre findet hauptsächlich zentral im Architekturgebäude statt. Den Studioräumen ist die ganze zweite Etage und Teile der anderen Etagen gewidmet.“

Universität Stuttgart: „Die Architekturfakultät liegt im Zentrum der Stadt in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Beinahe alle Institute sind an diesem Ort situiert. Lediglich das Institut für Leichtbau befindet sich am Campus Vaihingen.“

Finden weitere Aktivitäten neben der Arbeit an den Entwürfen im Arbeitsraum statt – gemeinsame Mahlzeiten, Partys, weitere Treffen, Verabredungen oder Termine usw.?

Politecnico di Milano: „Außer der Arbeit an den Abgaben und Sprachkurse in der Regel keine.“

TU Delft: „Es gibt ein großes Angebot an akademischen Veranstaltungen, aber auch Freizeitaktivitäten oder Veranstaltungen, um sich kennenzulernen. Vieles läuft über Studierendenvereine und Verbindungen, die z.B. Partys und gemeinsame Mahlzeiten organisieren. Diese sind sehr divers, was Interessen, Ziele und Aufnahmebedingungen angeht. Ich betrachte letzteres auch kritisch.“

Universität Stuttgart: „Hat man einen Arbeitsplatz im Studio-Raum, wird dort natürlich zusammen gegessen oder ein Feierabendbier getrunken. Durch die zentrale Lage der Fakultät innerhalb Stuttgarts werden die Studios oft als Startpunkt für weitere Ausflüge in die Stadt genutzt. Häufig feiert man dort Geburtstage oder beispielsweise Weihnachtsfeiern mit dem ganzen Entwurfsstudio zusammen.“

Wie ist der Austausch innerhalb der Studios – unter den Studierenden und mit den Lehrenden? Wird der Austausch durch die architektonische Gestaltung der Räume begünstigt?

Politecnico di Milano: „Zwischen den Studios gibt es in der Regel keinen Austausch, da teilweise die gleichen Entwurfsstudios an unterschiedlichen Tagen in unterschiedlichen Räumen und Gebäuden stattfinden. Absprachen zwischen den einzelnen Professuren kommen vor, sind aber selten.“

TU Delft: „Die Fakultät beinhaltet verschiedene Fachrichtungen (Architektur, Building Technology, Urbanism, Geomatics und Landschaftsarchitektur). Den Studios aller Richtungen werden Tische oder Bereiche in großen offenen Räumen zugeordnet. Dazu gibt es noch gemischte Arbeitsbereiche. Man läuft den Studierenden und Lehrenden aus anderen Studios also immer über den Weg.“

Universität Stuttgart: „Die Durchgangsräume im K1 Gebäude dienen den Student*innen als Begegnungsräume. Andere Arbeitsräume sind wiederum getrennt, so dass dort selten ein Austausch mit anderen Studios zustande kommt. Dort besetzt jedes Studio ein separates Stockwerk. Lehrkräfte treffen sich mit den Studierenden meist direkt in den zugeordneten Räumen, und es kommt zu wenig Kontakt mit anderen Studios.“

 

Gibt es in deiner Fakultät eine räumliche Besonderheit des Gebäudes, in dem die Architekturlehre stattfindet? 

Politecnico di Milano: „Es gibt einen Patio, ein offener Bereich unter der Fakultät, der sich im Freien befindet, aber überdacht ist. Dieser ist sehr geräumig und hat sich als Hauptarbeitsraum etabliert. Darüber hinaus gibt es in vielen Gängen oder offenen Räumen innerhalb des Gebäudes Arbeitsplätze. Einige Gebäude auf dem Campus sind gestalterisch sehr ambitioniert, aber nur bedingt praktikabel.“

TU Delft: „Das oben erwähnte Prinzip der Durchmischung wird durch weitere Räumlichkeiten ergänzt. Dazu gehört die Modellbau-Halle und die „Orange Hall“ für Veranstaltungen. An beiden Räumen muss man vorbeilaufen, um in die Mensa oder die Espresso-Bar zu gehen. Man bekommt also direkt mit, welche Ausstellung, welche Arbeiten oder welcher Vortrag dort stattfindet.“

Universität Stuttgart: „Das K1 Gebäude wird von vielen Student*innen geschätzt und geliebt. Das Foyer dient mit seiner großen Eingangshalle als Ausstellungsort für Projekte der Studierenden. Die anderen Stockwerke verfügen über große Flurbereiche mit Galerien und Split Levels. Dort finden auch Kritiken statt, und Studierende können auf den unterschiedlichen Ebenen Platz nehmen, um die Präsentationen und Arbeiten von Anderen anzusehen.“

 

Was schätzt du an eurem Arbeitsraum am meisten und was würdet ihr ändern wollen? Welche Qualitäten weist das ideale Studio/Atelier auf?

Politecnico di Milano: „Viele ältere Räume haben wenig verfügbare Steckdosen, unflexibles Mobiliar, schlechte Belüftung oder fehlende Möglichkeiten zur Abdunklung. Die technische Ausstattung spielt natürlich auch nicht immer perfekt mit, ist aber in der Regel gut und einfach zu bedienen.“

TU Delft: „Die offenen Räume begünstigen den Austausch. Für Diskussionen mit den Lehrenden im kleineren Kreis ist es ideal, aber für Präsentationen bräuchte man Räume mit weniger Tischen und genug Wandflächen, um Plakate aufzuhängen oder Dinge zu projizieren, ohne dass man ständig unterbrochen von vorbeilaufenden Personen wird. Das ideale Studio wäre für mich daher großzügig, offen und mit flexiblem Mobiliar und beweglichen Wänden ausgestattet.“

Universität Stuttgart: „Hier verfügt man über einen eigenen Arbeitsplatz, den man das ganze Semester über nutzen kann. Somit muss am nächsten Tag kein neuer Platz gesucht werden, und man kann sein Arbeitsmaterial liegen lassen. Man bekommt einen Schlüssel für seinen Arbeitsraum. Daher ist die Qualität des Modellbaus beispielsweise sehr hoch, weil hierfür ideale Bedingungen herrschen. Wir schätzen sehr, dass man dort auch Kaffeemaschinen oder Mikrowellen aufstellen kann. Verbesserungswürdig ist das Verfahren zur Vergabe der Arbeitsplätze. Denn das variiert von Jahr zu Jahr und von Institut zu Institut.“