Bildungslandschaften im Wandel: „Typology Talks“ und die Lehre im Studio Kempe Thill

Rapide Transformationen auf gesellschaftlicher und pädagogischer Ebene prägen aktuell die universitäre Lehre und Forschung und wirken sich auf die Hochschularchitektur aus. An der Leibniz Universität Hannover beschäftigen sich André Kempe und Oliver Thill vom Studio Kempe Thill mit diesen Aspekten, die universitäre Lernlandschaften typologisch beeinflussen. In ihrer Entwurfslehre und durch die Vortragsreihe „Typology Talks“ suchen sie nach einem typologischen Ideal der Bildungsbauten der Zukunft.

Leibniz Universität Hannover

sr | 14.11.2022

In der Veranstaltungsreihe „Typology Talks“ befasste sich der Lehrstuhl von André Kempe und Oliver Thill im Oktober 2022 bereits zum zweiten Mal mit dem Thema der sich radikal veränderten Rahmenbedingungen der Bildungslandschaft. Die zwei Professoren für Entwerfen und Ressourcen am Institut für Entwerfen und Gebäudelehre der Leibniz Universität Hannover laden internationale Gäste ein, die konzeptionellen Weichen für die typologische Betrachtung von Bildungsbauten zu stellen. Das Format ermöglicht einen bereichernden Austausch zwischen den Studierenden und Vortragenden innerhalb des Faches, mit einem direkten Mehrwert für die Entwurfsarbeit. Wir haben André Kempe gefragt, wie er den aktuellen Wandel der universitären Lernlandschaft erlebt, welche Konsequenzen dieses Phänomen auf die Entwurfslehre hat, und wie die „Typology Talks“-Vortragsreihe darauf Bezug nimmt.

Verschiebungen in der Bildungslandschaft 

Welche einschneidenden Veränderungen prägen derzeit die Lernlandschaften europaweit, und welchen Einfluss üben sie auf die Typologie aus? Die letzten Jahre waren von Unruhe und einem starken Wandel geprägt. Obwohl die Architekturbranche zunehmend für das „weniger Bauen“ plädiert, stellt André Kempe an einigen Hochschulen europaweit einen großen Schub an Bauproduktion fest. Die Université de Paris-Saclay - Ville de Palaiseau – womöglich das zukünftige Silicon Valley Europas –, die KU Leuven oder die Universität Hamburg zählen zu den Standorten, an denen ein erheblicher Anstieg der Bauaktivität nachgewiesen wird. Gleichzeitig warnt der Architekt vor der zunehmenden neoliberalen Prägung der Forschung. Der sinkende Einsatz von öffentlichen Drittmitteln favorisiert neue Public-Private-Partnerships mit der Industrie, die angewandte Forschung an den Universitäten betreibt. Des Weiteren macht sich ein struktureller Wandel der Bildungslandschaft aktuell bemerkbar: Bisher etablierte universitäre Formate, die auf der disziplinären Aufteilung in Fakultäten basieren, sowie die bekannten und neuen Formen der Lehre – frontal, interdisziplinär, digital – werden zunehmend infrage gestellt. Diese Verschiebungen und Veränderungen prägen die Identität der akademischen Einrichtungen und haben entsprechend auch Auswirkungen auf die architektonische Gestaltung von Bildungsstätten. Kann diese Entwicklung etwas Neues hervorrufen? Mit dieser Frage beschäftigen sich André Kempe und Oliver Thill intensiv in ihrer Lehre im Bachelor und Master.

Die Universität auf der Suche nach ihrer Identität 

Die Suche nach einer neuen Struktur und Identität von Bildungsbauten beschäftigt die Lehrenden und Studierenden des Studios Kempe Thill in ihren Entwurfsaufgaben. Im ersten Schritt werden die Grundlagen gesetzt, indem sich die Teilnehmenden mit dem geschichtlich-typologischen Wandel der Bildungsbauten vertraut machen. Darauf aufbauend setzen sie sich in den Entwurfsstudios mit realen Neu- und Umbauaufgaben auseinander wie im Fall des aktuellen Auftrags für den Ausbau des Campus Bahrenfeld der Universität Hamburg. Somit begeben sich die Studierenden gestalterisch auf eine typologische Entdeckungsreise, in der sie zur (Neu)definierung der Typologie Hochschule beitragen.

Ein typologisches Optimum in Sicht?

Können Universitätsbauten zu typologischen Alleskönnern werden, die sich den ändernden Anforderungen stets anpassen? Die Suche nach dem typologischen Optimum wird durch anregende Vorträge der prominenten Gäste der „Typology Talks“ fortgesetzt. In einer starken Verschränkung mit den Entwurfsaufgaben setzen die Vorträge innovative Impulse und bauen die Berührungsängste der zukünftigen Architekt*innen mit realen Bauaufgaben im Entwurfsstudio ab. 2021 erfreute sich die erste Edition der Vortragsreihe der (digitalen) Teilnahme von Piet Eckert, Kees Kaan und den Pritzker-Preisträgerinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara. Dieses Jahr waren Philipp Hirtler, Ingrid van der Heijden und Riken Yamamoto eingeladen, über ihre Praxiserfahrung in der Errichtung von Lernlandschaften zu sprechen.